Grübeln ade: So bekommen Sie einen klaren Kopf
AndersonRise - Fotolia.com
 
Gedankenkreisen und Entscheidungsnot plagen immer mehr Menschen

„Mein Kopf ist voll“, „Mir platzt der Kopf“ oder „Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht“ heißt es in verschiedenen Redewendungen. Und was da den ganzen Tag in unserem Kopf los ist, kann in der Tat ganz schön anstrengend sein: Sorgen über die Zukunft, Grübeleien über Vergangenes, Ängste und Ärger. Dabei scheinen gerade wir modernen Menschen im Westen unter den Gedanken-Strudeln zu leiden. 
Heutzutage macht uns die Informationsflut zu schaffen, vor allem in Großstädten. Alleine die Frage, wie wir leben und arbeiten möchten, stellt uns schon vor Herausforderungen: Möchte ich auf dem Land leben oder in der Stadt? Zur Miete oder im Eigentum? Angestellt oder selbstständig? Mit oder ohne Verantwortung? „Unser Verstand kann nur sieben bis neun Faktoren gleichzeitig verarbeiten“, erklärt Diplom-Psychologin und Buchautorin Susanne Kersig (www.achtsamkeit.info). „Doch selbst beim Einkaufen müssen wir schon Hunderte von Informationen abwägen.“ Bei Fragen der eigenen Lebensplanung sind es natürlich noch weit mehr.
Hinzu kommt, dass die Erwartungen erheblich gestiegen sind. Längst geht es nicht mehr nur darum, ein Dach über dem Kopf und täglich etwas zu Essen auf dem Teller zu haben. Die meisten Menschen wünschen sich ein großes Haus, ein schnelles Auto, das neuste Handy und Reisen ins Ausland. Doch je größer die Wünsche, desto größer wird auch die Angst zu versagen, Erwartungen von sich und anderen nicht zu erfüllen, nicht perfekt zu sein oder gar ganz „durch die Maschen des Systems“ zu fallen. Denn wir haben heute kaum noch Gemeinschaften, die uns ein Leben lang tragen und unterstützen. Es gibt keine festen Familienstrukturen mehr. Auch Beruf und Arbeitsplatz sind instabil.
Kein Wunder, dass immer mehr Menschen Hilfe beim Psychologen suchen. Besonders häufig geht es in der westlichen Therapie um Themen wie mangelnde Selbstliebe und Selbstzweifel. Wertschätzung wird geknüpft an immer wieder neu und womöglich besser zu erbringende Leistungen.  „Ich glaube, ein Grund dafür ist unser christliches Erbe, die Erbsünde. Man fühlt sich unterschwellig wertlos“, sagt Susanne Kersig, die sowohl mit klassischer Psychologie als auch mit östlicher Achtsamkeitspraxis vertraut ist. „In buddhistischen Traditionen kommen solche Symptome nur selten vor. Man geht dort davon aus, dass jeder Mensch eine Buddha-Natur besitzt, also von Natur aus gut ist. Das gibt schon mal ein anderes Grundgefühl.“ 

Aus dem Gedankenstrom aussteigen

Dass im Kopf ein nicht enden wollender Strom von Gedanken rauscht, merken wir oft erst, wenn wir zur Ruhe kommen: „Nachher muss ich noch einkaufen und die Kinder abholen. Abgewaschen habe ich auch noch nicht. Das, was Peter gestern gesagt hat, war echt gemein. Und die E-Mail vom Kunden. Hoffentlich habe ich darauf richtig reagiert. Mein Chef ist bestimmt sauer...“ So folgt ein Gedanke dem nächsten. Dabei beschäftigen wir uns meist mit Themen aus der Vergangenheit oder der Zukunft. Um den Gedankenstrom zu unterbrechen, hat es sich daher bewährt, die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu lenken. 

Das klappt zum Beispiel mit Sport bzw. Bewegung. Denn dadurch kommt die Energie vom Geist in den Körper. Oder man beschäftigt sich mit etwas, was man gerne tun,  sei es Musizieren, Malen oder Lesen. Besonders gut helfen auch Yoga und Meditation. Denn sie haben das Ziel, den Geist ins Joch zu spannen (Übersetzung von Yoga) und zur Ruhe zu bringen (vgl. Übungen für einen klaren Kopf).
Achtsamkeitsexpertin Susanne Kersig gibt allerdings zu bedenken: „Meditation fällt uns heute sehr schwer, weil wir in einer ungeheuer komplexen Welt leben.“ Anders als ein Ziegenhirte, der einfach nur täglich die Herde über die Wiesen treibt, sind wir umgeben von unzähligen Informationen und Einflüssen. „Man sollte nicht gegen den Gedankenstrom ankämpfen, sondern den Geist einfach weiter plappern lassen, ohne darauf einzugehen,“ so Kersig. Ganz so, als würde man Wolken ziehen lassen, ohne sie festzuhalten. 
„Kreisen die Gedanken immer wieder um das gleiche Thema, steckt dahinter meist eine Emotion, die man noch nicht gefühlt hat“, sagt Susanne Kersig. „Dann sollte man versuchen, das Gefühl zu erspüren und wahrzunehmen. Denn je mehr man es unterdrückt, desto mehr Raum wird es sich nehmen.“ (siehe Übung)

Ich kann mich einfach nicht entscheiden

Soll ich den Job kündigen? Kann ich meine Familie dann noch ernähren? Wie soll ich bloß die Hausraten abbezahlen? Das Heimtückische an solchen Denkschleifen ist, dass wir meinen, wir würden mit der Grübelei einer Lösung näher kommen. Doch in Wirklichkeit ziehen wir uns selbst nur immer weiter runter, kreisen ständig um die gleichen Argumente und können schließlich gar keinen klaren Gedanken mehr fassen. 
Susanne Kersig empfiehlt in so einem Fall, erst einmal alle Informationen zu sammeln, sie mit dem Verstand zu überprüfen und das Thema sacken zu lassen. „Dann ist es wichtig, in sich hinein zu spüren“, sagt die Hamburger Expertin. Wie fühlt es sich an, wenn ich mir vorstelle, nicht mehr in die Firma zu gehen? Spüre ich vielleicht eine Erleichterung oder einen großen Druck? „Am besten ist es natürlich, wenn Kopf und Bauch in Übereinstimmung kommen.“ 

Der Körper weist den Weg

Denn in unserer Kultur treffen wir Entscheidungen meist mit dem Kopf bzw. der Ratio. Beim Supermarkteinkauf fahren wir damit auch meist ganz gut. Doch je komplexer Probleme sind und je mehr sie einen emotional betreffen, desto besser ist es, auf das Bauchgefühl bzw. die somatischen Marker, wie Psychologen es nennen, zu hören. Denn in unserem Körper ist unser gesamter Erfahrungsschatz gespeichert und kann unbewusst alle notwendigen Informationen abrufen.   
„Es ist wichtig, ein gutes Gefühl im Körper zu suchen“, so Kersig. „Denn wenn wir unter dem Einfluss von Angst oder Ärger über ein Problem nachdenken, können wir nicht zu einer guten Entscheidung kommen.“ Denken Sie möglichst erst wieder bewusst über ihr Problem nach, wenn sich Ihr Körper unbeschwert und entspannt anfühlt. Vielleicht gönnen Sie sich dazu ein leckeres Essen, eine (Selbst-) Massage oder ein Wannenbad. 

Darüber reden, Blickwinkel ändern, Münze werfen

Eine weitere Möglichkeit den Kopf frei zu bekommen ist, jemandem von den eigenen Sorgen zu erzählen. Wichtig ist dabei allerdings, dass der andere wirklich zuhört und mitfühlt und nicht versucht, Lösungsvorschläge zu machen. Denn in dem Moment geht es schließlich darum, wieder „Platz im Kopf“ zu schaffen und ihn nicht mit noch mehr Gedanken zu belasten.
Sie können auch versuchen, andere Blickwinkel einzunehmen: Wie sieht das Problem aus der Sicht Ihres Chefs aus? Wie sieht Ihre Familie das Thema? Und wie würden Sie mit 70 Jahren an diese Situation zurück denken? Welche positiven Effekte könnten sich aus dem Jobverlust ergeben, gehen dadurch vielleicht neue Türen auf? 
Die Psychologin und Buch-autorin Ingrid Hack empfiehlt sogar, eine Münze zu werfen, wenn man nicht weiter weiß. Das klingt vielleicht zunächst überraschend. Doch dahinter steckt die Idee, dass nichts schlimmer ist, als keine Entscheidung zu treffen. Eine schlechte Wahl kann man nämlich später noch korrigieren, während die Tatenlosigkeit zu einer Totalblockade führt, die auch krank machen kann. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sagt man, dass die Winde in verschiedene Richtungen gehen und einen regelrecht zerreißen.  
Zu guter Letzt hilft auch die alte Weisheit, zunächst zu überlegen, ob man an einer Situation etwas ändern kann oder nicht. Kann man etwas ändern, so soll man es tun. Wenn nicht, dann soll man es akzeptieren und den Kopf nicht weiter damit belasten.

Übungen für einen klaren Kopf 
Buchtipps:

Susanne Kersig: Entspannt und klar: Freiraum finden bei Stress und Belastung
Buch mit CD, Goldmann Verlag: Arkana 2009,978-3-442-33853-5

Ingrid Hack: Das Cent-Orakel. Kopf oder Zahl – der Weg zur richtigen Wahl
Hans-Nietsch-Verlag 2004, ISBN 3-934647-60-X

Kommentare (0)

Bitte Kommentar schreiben

Für diese Aktion müssen Sie sich einloggen. Die Anmeldung bei Yilangi ist schnell, unkompliziert und kostenlos. Sie benötigen lediglich Ihre E-Mail sowie ein Passwort und schon geht es los.

Letzte Kommentare

  • Das Atemwochenende im Antoniushof Anfang März hat uns allen richtig ATEMLUST gemacht. Und Anette Sanladerer-Lorenz hat uns mit ihrer...

    Magdalena Unger

    23. März, 2012 |

  • Es strömt einfach viel zu viel auf uns ein. Keiner kann mehr sagen: STOPP !
    Denn dann ist man nicht dabei... und das geht nicht. Ich...

    Tanja Egginger

    22. November, 2010 |

  • Zu diesem Thema kann ich folgenden Reise-Anbieter weiterempfehlen:
    http://www.neuewege.com/
    Ich habe bereits 3 x eine Reise dort...

    Cornelia Becker

    19. August, 2010 |

  • Die Wirkung von Jin Shin Jyutsu kann ich nur bestätigen: Fast jeden Tag halte ich einen oder alle Finger, um den Körper und die Organe...

    Ulrike Holtzem

    13. August, 2010 |

  • Ich wende die Mudras regelmäßig an. Besonders das Bhramara-Mudra hat mir schon sehr bei Erkältungen und anderen Beschwerden geholfen!...

    Ulrike Holtzem

    13. August, 2010 |


Die Inhalte auf Yilangi bilden keinen Ersatz für die Beratung, Diagnose und Behandlung durch einen qualifizierten Arzt, Heilpraktiker oder Therapeuten.
Inhalte auf Yilangi können und dürfen keinesfalls für eigenständige Diagnosen und/oder Behandlung verwendet werden. Sie dienen rein informativen Zwecken.