Zahnbehandlung im Klosterhof
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Hypnose beim Zahnarzt

Wenn beim Zahnarzt der Bohrer droht, nehmen die meisten Menschen Zuflucht zur Spritze. Doch auch bei der lokalen Betäubung werden Medikamente eingesetzt, die Neben- oder Wechselwirkungen haben können. Zahnbehandlung unter Hypnose ist eine echte Alternative. Die Sozialmanagerin Martina-Marie Liertz möchte sie nicht mehr missen.
„Schließen Sie die Augen, nehmen Sie ein paar tiefe Atemzüge. Spüren sie dabei, wie sich Ihre Muskeln entspannen.“ Gehorsam lasse ich mich tiefer in den Zahnarztstuhl sinken.„Stellen Sie sich vor, dass sie an einem Treppenabsatz stehen. Aus welchem Material ist die Treppe? Die Treppe führt nach unten, sie fangen an, sie hinunter zu steigen. Sie fühlen sich dabei ganz entspannt und ruhig. Stellen Sie sich nun vor, sie sind unten an der Treppe angekommen. Dort ist eine Tür. Aus welchem Material ist sie, wie sieht die Klinke aus? Sie drücken die Klinke herunter und öffnen die Tür. Wenn Sie aus der Tür treten, sind Sie an einem wunderschönen Ort, wo Sie sich spontan wohl, geborgen und glücklich fühlen….“

Die Tür öffnet sich, und ich finde mich im Kreuzgang eines mittelalterlichen Klosters irgendwo im sonnigen Süden wieder. Die Heckenrosen duften, ein Springbrunnen plätschert leise. Rechts von mir dringt aus der geöffneten Kirchentür das Rauschen und Brummen einer Orgel…

Keine Narkose – und keine Schmerzempfindung

Eigentlich habe ich keine Angst vor dem Zahnarzt, doch das Entfernen von neun Amalgam-Füllungen weckte leichte Panik in mir. Allein die Vorstellung, wie lange ich den Mund würde offen halten müssen, und dann das Geräusch des Bohrers. Meine Zahnärztin schlug eine Behandlung unter Hypnose vor, dann könne sie länger am Stück arbeiten, und die Sitzungen seien für mich nicht so ermüdend.

Dazu käme, dass jedes Betäubungsmittel eben auch ein Medikament sei. Ein Medikament, das Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Nachwirkungen haben kann und unter Umständen schlecht vertragen wird. Gerade bei Menschen mit starken Ängsten oder bei komplizierten Behandlungen, bei denen die Patienten durchaus spüren sollen, ob die Zahnärztin den Nerv noch nicht getroffen hat, kann so eine „selbst gemachte“ Schmerzunempfindlichkeit ohne Anästhesie sehr hilfreich sein.

Also doch spüren? Ja und Nein. Nicht betäubt und trotzdem entspannt, weit entfernt von den Schmerzen, mit angenehmen inneren Bildern beschäftigt und daher angstfrei. Wie die meisten Patient/-innen spürte ich, dass die Zahnärztin "irgendetwas" machte. Was ich spürte, war ein dumpfer Druck, ich fühlte die Berührungen und hörte die Zahnärztin sprechen. Aber Schmerz? Sagen wir so: Das Bild des sonnigen Kreuzgangs mit seinen rosafarbenen Heckenrosen war stärker.

Was ist Hypnose?

Hypnose (altgr. Hypnos: Schlaf’) ist der immer noch nicht vollständig erforschter Zustand von mehr oder weniger tiefer Trance. Er zeigt sich durch ein vorübergehend verändertes Bewusstsein und tiefe Entspannung. Das Wort „Hypnose“ wird dabei sowohl für den Zustand benutzt als auch die Methode, in diesen Zustand zu gelangen.

Beim Gedanken an Hypnose haben viele ein Bild von schwingenden Pendeln vor Augen, das mit dem direkten Befehl zum Schlafen verbunden ist. Die direkte oder klassische Hypnose ist wohl die geläufigste Anwendungsform; sie kommt jedoch in der Zahnmedizin eher selten zum Einsatz.

Die indirekten Methoden zeichnen sich dadurch aus, dass auf beiläufige Weise innerhalb eines Gesprächs ein veränderter Bewusstseinszustand eingeleitet wird. Bei beiden Methoden bezeichnet man das Einleiten einer Trance als Induzieren.

Die Veränderung (Maskierung) des Schmerzerlebens hängt wesentlich von dem hypnotischen Bild ab, über das der Patient in Trance geführt wird. Wird ein Patient zum Beispiel dazu animiert, in Hypnose auf einem Mountainbike zu fahren, kann er Schmerzen umdeuten, der Schmerz verwandelt sich in körperliche Anstrengung.

Was ist unter Trance zu verstehen?

Das Erleben in einer Trance ähnelt natürlichen, spontan auftretenden Zuständen beim Einschlafen und Aufwachen, bei Tagträumen oder sehr konzentrierten Tätigkeiten. Ein bekanntes Beispiel ist die Wahrnehmung bei langen und eintönigen Autofahrten: die Aufmerksamkeit ist fokussiert (oft verbunden mit Blickstarre), es entsteht eine Zeitverzerrung und anschließende Teilamnesie („Wie bin ich hierher gekommen?“). Die Trance wird ausgelöst durch die Monotonie der Fahrt, das Motorengeräusch und das Vibrieren des Autos.

Auch bestimmte Arten von Meditation arbeiten mit solch verändertem Bewusstsein, um zu tieferen Einsichten und einem offeneren Geist zu gelangen.

Hypnose als Showeinlage

Heilkundige und Schamanen nutzen den Zustand der Trance seit langer Zeit, manchmal auch unterstützt durch bewusstseinsverändernde Drogen. Da die Hypnose bzw. Hypnotisierbarkeit eine ganz natürliche Fähigkeit des Menschen ist, haben Priester, Heilerinnen und Schamanen sie wohl durch eigene meditative Erfahrungen entdeckt und ursprünglich zu religiösen und kultischen Zwecken genutzt.

Viele kennen Hypnose aus Fernsehsendungen, in denen ein Showhypnotiseur scheinbar willenlose Menschen sinnlose Befehle ausführen lässt. Dabei ist wichtig zu wissen, dass ein Mensch auch unter Hypnose keine Handlungen ausführen wird, die seinem oder ihrem ethischen Empfinden zuwider läuft. Denn das Unbewusste und das Urteilsvermögen sind nicht ausgeschaltet, nur der Intellekt verlässt die gewohnten Bahnen. Eine wichtige Voraussetzung für Hypnotiserbarkeit ist sogar das Vertrauen in die hypnotisierende Person. Die Psyche verfügt über natürliche Schutzmechanismen, die sofort aktiv werden, sobald der Hypnotisierte spürt, dass er manipuliert wird und sich etwas gegen seine innerste Überzeugung richtet.

Verschiedene Stadien der Trance

Es werden drei verschieden tiefe Stadien von Trance unterschieden:
  • Die leichte Trance
    Die Patienten haben einen langsamer schlagender Puls, tiefe und ruhige Atmung, spüren Schläfrigkeit und eine gewisse Schwere in Armen und Beinen (aus der Hypnose entwickelte Johannes Heinrich Schultz entwickelte in den späten 20-er Jahren das autogene Training). Die Aktivität des Bewusstseins unterscheidet sich hier noch kaum vom Wachzustand. Die Hypnotisanden nehmen einfache und logische Suggestionen an. Im Wortlaut meiner Zahnärztin hörte sich das so an: „Sie spüren, dass in ihrem Mundbereich etwas passiert, kümmern sich aber nicht darum.“
  • Die mittlere Trance
    lässt den Patienten das Gefühl entwickeln, sich in seiner inneren Welt zu bewegen. Äußere Geschehnisse werden so unwichtig, dass sie kaum bemerkt werden. In diesem Stadium ist die hypnotisierte Person fähig, ihren Fantasien wie einem Film zu folgen. Die Entspannung vertieft sich, das Wachbewusstsein ist kaum noch aktiv. Es werden alle Suggestionen angenommen, die nicht der Persönlichkeit des Probanden zuwiderlaufen - auch totale Schmerzlosigkeit ist möglich. Hier könnte die Suggestion der Zahnärztin lauten: „Sie lauschen dem Brummen und Kreischen der Kirchenorgel, die ein atonales Stück spielt (und nicht meinen Bohrgeräuschen). Sie spüren beim Gehen die harten Kiesel unter ihren Fußsohlen (und nicht, dass ich gerade an Ihrem Weisheitszahn ziehe).“ Dabei bleibt das Wort „nicht“ besser unausgesprochen, denn damit kann das Unterbewusstsein nichts anfangen.
  • Die tiefe Trance
    ähnelt einem tiefen Schlaf. Das Empfindungsvermögen des Körpers ist stark herabgesetzt. Oft können sich Patienten nach der Trance nur noch bruchstückhaft an das erinnern, was sie erleben. In der Zahnbehandlung wird diese tiefe Trance nicht angestrebt. Dagegen kann sie bei Suchtkrankheiten, Depressionen und zur Behandlung chronischer Schmerzen sehr hilfreich sein, denn hier können so genannte „posthypnotische Suggestionen“ erfolgreich eingesetzt werden („Wenn Sie die Praxis verlassen, ist jedes Verlangen nach Zigaretten verschwunden“).

Was bedeutet Suggestion?

Der Begriff Suggestion wurde im 17./18. Jahrhundert eingeführt und bezeichnet die manipulative Beeinflussung einer Vorstellung oder Empfindung, ohne dass die Manipulation als solche wahrgenommen wird. Er wird zurückgeführt auf das lateinische Substantiv suggestio, was so viel bedeutet wie Hinzufügung, Eingebung oder Einflüsterung .

Wo wird Suggestion verwendet?

Suggestion wird gern in der Werbung verwendet. Allerdings durchschauen die meisten „werbegewohnten“ Menschen inzwischen diese Art von Suggestion, und so sie ist ein dankbarer Gegenstand für Satire geworden. Werbestrategen und kritische Verbraucher liegen somit im ständigen Wettstreit. Suggestion ist auch ein bekanntes Phänomen in der Politik- und Medienwelt. Und immer wieder nutzen Politiker die Technik der Suggestion, um Feindbilder zu schüren und von ungelösten Problemen abzulenken. Suggestion ist also auch die Bereitschaft, einem anderen Menschen Glauben zu schenken, statt einen Trick zu vermuten, eine böse Absicht hinter einer Handlung oder einem Wort. Und gerade bei ihrem Zahnarzt hoffen die meisten Menschen ja auf eine gute Absicht.

Keine Angst vor der Hypnose

Allgemein gilt: 10 Prozent aller Menschen sind sehr gut hypnotisierbar, 80 Prozent gut und 10 Prozent schwer. Die Chancen stehen also gut, von einer Hypnosebehandlung zu profitieren. Manche Menschen haben Angst, nicht mehr aus der Hypnose aufzuwachen. Diese Angst ist jedoch unbegründet. Da der Trancezustand nichts „Fremdes“, „Aufgezwungenes“ ist, verwandelt sie sich, wenn sie nicht durch den Hypnotiseur beendet wird, in einen natürlichen Schlaf, aus dem man einfach wieder aufwacht.

Dass man während der Behandlung plötzlich erwacht, ist äußerst unwahrscheinlich. Während der Tranceinduktion lernt die hypnotisierte Person fast unmerklich, wie dieser Zustand auch während unvorhergesehener Zwischenfälle aufrechterhalten werden kann. Und da der sonnige, blumenduftende Klostergarten ein soviel attraktiverer Aufenthaltsort ist als eine Zahnarztpraxis, ist die Entscheidung, in der Sonne sitzen zu bleiben, auch unter Hypnose nicht schwer zu treffen.

Wenn die schrillen Behandlungsgeräusche stören, gibt es die einfache Möglichkeit des Kopfhörers mit Entspannungs-CD. Die Wirkungen der Hypnose und die Reaktionen darauf sind sehr individuell. Ausschlaggebend dabei ist nicht der Hypnotiseur, sondern die hypnotisierte Person. Da die Trance als solche also vom Hypnotiseur unabhängig ist, könnte alles und jeder hypnotisieren: Ob sich der gewünschte Erfolg einstellt, ist immer von der inneren Einstellung des Hypnotisanden abhängig. Wichtig ist, dass er oder sie Vertrauen zur hypnotisierenden Person hat, sich in der Situation wohlfühlt und sich so weit entspannen kann, dass eine genügend tiefe Trance möglich ist. Jede Hypnose ist also auch eine Selbsthypnose.

Das wurde mir an jenem Tag bewusst, als ich wieder im Zahnarztstuhl saß, meine gewohnte Treppe hinunter ging, aber nicht die Tür zu meinem Klosterhof fand. Was mich stattdessen faszinierte, waren die so ganz unterschiedlichen Geräusche der Bohrer. Also stellte ich mir ein leeres Notenblatt vor und begann, Note für Note, eine kleine Sonate für hohen und tiefen Bohrer zu komponieren. Schmerzen hatte ich in dieser Sitzung kaum, dazu war ich zu beschäftigt. Das Stück wartet allerdings noch auf seine Uraufführung.

Wissenswertes zur hypnotischen Behandlung beim Zahnarzt

Die DGZH (Deutsche Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose e.V.) bietet eine Liste von Hypnosezahnärzten und empfiehlt, direkt mit dem jeweiligen Zahnarzt Kontakt aufzunehmen und sich beraten zu lassen. Auch Hypnose-Verbände können weiterhelfen.

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