Prof. Dr. med. Claus Schulte-Uebbing ist Frauenarzt mit der Spezialisierung Endokrinologie, Immunologie Onkologie und Umweltmedizin. Er leitet das Umweltmedizinische Therapiezentrum am Dom in München, ist Umweltmedizinischer Gutachter und Autor medizinischer Fach- und Lehrbücher.
Das Interview zum Stand der Umweltmedizin gab Prof. Dr. Schulte-Uebbing im Dezember 2010 der Zeitschrift „Naturarzt“
Das Interview zum Stand der Umweltmedizin gab Prof. Dr. Schulte-Uebbing im Dezember 2010 der Zeitschrift „Naturarzt“
Teil 1
Vor rund 15 Jahren war Umweltmedizin in aller Munde. Heute ist vergleichsweise wenig davon die Rede. Hat dies mit Resignation zu tun? Oder werden Dinge heute unterdrückt bzw. Probleme heruntergespielt?
Ich fürchte, so viel hat sich nicht geändert. Auch vor 15 Jahren hat sich nur eine Minderheit der Bevölkerung, Ärzte und Politiker ernsthaft mit umweltmedizinischen Themen befasst. Das ist bis heute so geblieben. Dabei ist die Umweltmedizin so wichtig! Denn die Probleme nehmen doch zu: Denken Sie nur an die ölverseuchten Strände in den USA, die tickende Zeitbombe veralteter Kernkraftwerke, die in keinster Weise gelösten Probleme bei der Entsorgung radioaktiver oder hochtoxischer Abfälle... Wir Umweltmediziner/-innen sehen täglich die Folgen von zunehmenden Umweltbelastungen. Was meine Fachgebiete Endokrinologie, Onkologie, Immunologie, Allergologie und Psychosomatik betrifft, so erleben wir täglich Patienten und Patientinnen, deren Befindlichkeitsstörungen, Krankheiten und Leiden umweltmedizinische (Teil-)Ursachen haben, wie unerfüllter Kinderwunsch, Hormon-, Immun- oder Stoffwechselstörungen, Allergien, psychosomatische Störungen, Tumore (z. B. Brustkrebs, Prostatakrebs, Darmkrebs). Entgiftung ist Medizin.Haben es sich die Vertreter der Umweltmedizin auch selber zuzuschreiben, dass ihre Disziplin heute etwas marginal erscheint? Manch umfangreicher und kostenintensiver Test endete ja mit der Empfehlung, ein paar Vitamin-E-Kapseln zu nehmen ...
Selbstkritisch betrachtet, war unsere Disziplin leider immer eher marginal. Die wenigen Umweltmediziner, vor allem die, die sich auch mit vernünftigen Engiftungskonzepten befassen, versuchen ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen. Sie haben leider oft nicht die Zeit, um eine Lobby für die Umweltmedizin aufzubauen. Wer neben der Arbeit mit Patienten-/innen auch noch wissenschaftlich arbeitet, Lehrbücher und Publikationen schreibt und Vorlesungen hält, dem bleibt dafür leider keine Zeit.Seinerzeit wurde besonders viel über Formaldehyd, beispielsweise in Möbeln, PCP und Lindan (Holzschutzmittel) sowie Pestizide (Pflanzenschutzmittel) gesprochen. Spielen diese Stoffe heute noch eine große Rolle oder hat sich inzwischen etwas verbessert?
Wir behandeln täglich Patienten-/innen, deren chronische Probleme und Krankheiten durch diese und viele andere Substanzen (mit-)verursacht sind: Formaldehyd, PCP, Lindan, Pestizide finden sich immer noch in Holz (Bauteilen, Dächern, Fenstern, Türen, Schränken, Verkleidungen etc.). Probleme verursachen aber auch Stoffe wie Phenol und Formaldehyd in Klebern, Farben oder Kunstharzen; dergleichen kommt z.B. in Faserplatten vor. Problematisch sind auch Weichmacher in PVC sowie weitere Substanzen, die in elektronischen Bauteilen vorkommen.Welche Umweltfaktoren halten Sie heute für die gefährlichsten?
Wir wollen keine Umweltängste auslösen. Aber es gibt schon einige echte Gefahren: veraltete Kernkraftwerke, radioaktive Abfälle, hochtoxische Abfälle, die globale Trinkwasserverseuchung und damit die Verknappung sauberen Wassers.Letzte Kommentare
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