Seinen Meister finden
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Traditioneller Weg zur persönlichen Weiterentwicklung

Auf der Suche nach innerer Klarheit, sehnt sich so mancher nach einem Meister, der einem den rechten Weg zu Weisheit und persönlichem Wachstum weist. In Asien haben Meister-Schüler-Beziehungen Tradition – etwa bei Meditation, Yoga und Heilkunde.
Ein Schüler fragte den chinesischen Zenmeister Sozan: „Was ist das wertvollste Ding der Welt?“ Der Meister antwortete: „Der Kopf einer toten Katze“. Daraufhin wollte der Schüler wissen: „Wieso ist der Kopf einer toten Katze das wertvollste Ding auf der Welt?“ Der Meister antwortete: „Weil niemand seinen Preis nennen kann.“ – Viele Zen-Geschichten handeln von Dialogen zwischen Meistern und ihren Schülern. Mal sind es kurze Episoden mit einer klaren Botschaft, oft aber auch hintersinnige, scheinbar widersprüchliche oder rätselhafte Geschichten. Die Dialoge zwischen einem spirituellen Meister und seinen Schülern reichen in Asien bis in vorchristliche Zeit zurück, etwa in China bei Laotse (6.  Jhdt. v. Chr.) und Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.) oder in Indien bei Buddha (563 bis 483 v. Chr.).

Wer sich Belehrungen durch einen Meister wünschte, musste sich ihrer oft erst als würdig erweisen. So berichtet eine bekannte Zen-Geschichte über den japanischen Meister Nan-in, der in der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) lebte. Der Meister empfing einen Universitätsprofessor, der sich für Zen interessierte. Als der Meister ihm etwas erklärte, widersprach der Professor und berief sich dabei auf sein umfassendes Wissen. Nan-in hörte sich das eine Weile an, dann servierte er dem Professor Tee. Der Meister goss den Tee in die Tasse des Professors und hörte nicht auf weiterzugießen, so dass der Tee auf den Boden tropfte. Der Professor starrte auf den Meister und rief: „Die Tasse ist doch schon voll, mehr geht nicht hinein.“ Der Meister antwortete: „Ja, so wie diese Tasse sind auch Sie. Voll mit Meinungen und Spekulationen. Wie kann ich Ihnen Zen zeigen, bevor Sie Ihre Tasse gelehrt haben?“

Den Geist beruhigen

Wie ein Meister-Schüler-Verhältnis aussieht, ist in vielen asiatischen Traditionen klar definiert. Der Schüler begibt sich vertrauensvoll unter die Fittiche seines Lehrers, der ihn schrittweise unterrichtet, unterstützt und fordert. Der Meister gibt nicht nur das gelernte Wissen an seinen Schüler weiter, sondern begleitet ihn mit seinem Einfühlungsvermögen und Erfahrungsschatz. Das verleiht dem Schüler die Sicherheit, sich auf die gestellten Aufgaben einzulassen – . Auch wenn er deren Sinn manchmal nicht versteht. Ein gutes Beispiel sind die Zen-Koans, jene schier unlösbaren Rätsel, die helfen sollen, den Geist zu erleuchten. Da wird etwa gefragt: „Wie klingt das Klatschen mit einer Hand?“ Oder der Schüler wird mit teils körperlich schweren oder zuweilen sinnlos erscheinenden, immer wieder kehrenden Aufgaben betraut: manchmal viele Jahre lang. Der Sinn dieser Aufgaben liegt unter anderem im Üben von Geduld, Gelassenheit, Hingabe und in der Beruhigung des Geistes.

Heute suchen sich an Buddhismus ernsthaft interessierte Europäer und Amerikaner in Asien ihre Lehrer. Sie pilgern in Zen-Klöster im japanischen Kyoto, so wie es Doris Dörrie in ihrem Film „Erleuchtung garantiert“ beschreibt. Oder sie wählen Lehrer in thailändischen oder burmesischen Klöstern. Manche lauschen jedes Jahr im Februar oder März den Teachings des Dalai Lama, des religiösen Oberhauptes der Tibeter, im nordindischen Dharamsala oder den Vorträgen anderer bekannter Lehrer etwa in Bodh Gaya, dem Ort, an dem Buddha erleuchtet wurde. 

Die Angst überwinden

Ein junger Arzt aus Tokio namens Kusuda interessierte sich für Unterricht bei dem Zenmeister Nan-in, da er die Angst vor dem Sterben verlieren wollte. Nan-in sagte zu ihm: „Zen ist keine schwierige Aufgabe. Wenn du Arzt bist, so behandle deine Patienten mit Güte. Das ist Zen.“ Diese Antwort bekam Kusuda jedes Mal, wenn er den Meister aufsuchte. Als Kusuda eines Tages ungeduldig wurde, da er sich den Unterricht anders vorgestellt hatte, gab ihm Nan-in ein Koan. Kusuda übte sich jahrelang in Konzentration, um das Rätsel zu lösen. In dieser Zeit wurde sein Geist gelassen und er kümmerte sich fürsorglich um seine Patienten. Ohne es zu wissen, hatte er die Angst vor dem Sterben verloren. Als er Nan-in wieder besuchte, schwieg der alte Meister und lächelte.

Den Meister respektieren

Großer Respekt prägt diese Meister-Schüler-Verhältnisse, die es in in allen buddhistischen und in mystischen Traditionen wie in der Kabbala oder im Sufismus gibt, aber unter anderem auch beim Yoga, Handlesen, Akupunktur, Reiki oder Shiatsu. In vielen Traditionen werden die Meister Guru genannt: etwa im Hinduismus, im Sikhismus oder im tantrischen Buddhismus. Im Zen heißen sie Roshi, bei den Sufis lernt der Derwisch vom Sheikh oder Murshid. Der Schüler ist nicht nur vom Wissensschatz und der Weisheit seines Meisters fasziniert, sondern auch von dessen Lebensführung, Persönlichkeit und Charisma. Er versucht, so viel wie möglich von seinem Vorbild zu lernen. Der Schüler wird seinen Meister über dessen Tod hinaus stets voller Dankbarkeit und Ehrfurcht erwähnen. Oft trägt der Schüler ein Bild seines Meisters bei sich. Manchmal wirken diese Respektsbekundungen von Asiaten auf Menschen aus dem Westen etwas befremdlich oder werden gar als Unterwürfigkeit missverstanden. Doch in Asien ist der Respekt vor spirituellen Meistern auch heute noch tief verwurzelt und allgegenwärtig.

Berühmten Meditationslehrern wie beispielsweise dem Vietnamesen Thich Nhat Hanh, der 1982 ein Zentrum im französischen Plum Village gegründet hat, oder auch dem Dalai Lama werden wichtige Eigenschaften nachgesagt, die einen guten spirituellen Meister auszeichnen: So wird an erster Stelle ihr ungewöhnlich großes Mitgefühl gelobt, woraus ihr ethisches Verhalten und ihre Weisheit resultieren. Diese Lehrer verfügen nicht nur über große Kenntnis der Schriften und tiefes Wissen, sondern auch über „einspitzige“ Konzentration (so bezeichnet man im Buddhismus die außerordentliche Konzentrationsfähigkeit, die durch jahrzehntelange Meditationspraxis von täglich mehreren Stunden entwickelt wird). Und solche Meister haben die buddhistische Lehre mit all ihren Aspekten wie etwa dem der Leerheit und dem bedingten Entstehen gänzlich verstanden und verinnerlicht; so sind sie in der Lage, sie (fortgeschrittenen) Schüler zu vermitteln.

Seelenführer oder Scharlatan?

Doch auch in der westlichen Welt hat das Lernen von einem Meister Tradition, die etwa bei der antiken Idee des Psychagogen, des Seelenführers, anknüpft. Später übernahmen Mönche und Prediger, Philosophen und Schriftsteller die Rolle von Lehrern für Welterkenntnis und persönliche Entwicklung. Heute gibt es auch in der Psychologie eine Art von Meister-Schüler-Verhältnis wie etwa in der Psychoanalyse, bei der sich der Klient voller Vertrauen, Geduld und Ausdauer den Methoden des Therapeuten öffnet und die angetragenen „Arbeiten“ so gut wie möglich zu bewältigen versucht – ganz gleich, ob er deren Sinn zunächst versteht oder auch nicht.

Nicht jeder Meister verdient die Hingabe seiner Schüler. Immer wieder gibt es (selbst ernannte) Gurus und Meister oder deren Mitarbeiter, die negativ in die Schlagzeilen geraten, da sie sich materiell bereichern, ihre Schüler quälen oder sexuell ausbeuten. So soll beispielsweise Sheela, eine Vertraute von Bhagwan Shree Rajneesh, der sich von 1989 an Osho nannte, unter anderem Abhöranlagen in der Kommune in Orgeon  installiert haben und Bewohner eines Nachbardorfes mit Salmonellen vergiftet haben. Ein schreckliches Beispiel eines falschen Vertrauens zu einem Lehrer ist der Massenselbstmord im November 1978 unter den Anhängern des Peoples-Temple-Anführers Jim Jones. Damals starben nicht nur der Sektenführer, sondern rund 900 Menschen, darunter 270 Kinder, auf dem Sektengelände in Jonestown im südamerikanischen Guyana.  

Den richtigen Meister finden

Die Frage, wie ein vertrauenswürdiger Lehrer gefunden werden kann, scheint die Menschen schon lange zu beschäftigen. Buddha hielt dazu vor ungefähr 2.500 Jahren eine Lehrrede, die Kalamer Sutta. Zu dieser Zeit reisten viele spirituelle Lehrer durch Indien und gaben Unterweisungen. Als der Buddha das Dorf der Kalamer besuchte, fragten ihn die Dorfbewohner, welchen von all diesen Lehrern sie denn Glauben schenken sollten und wem nicht. Der Buddha erkärte: „Ja, ihr Kalamer, ihr mögt wohl zweifeln, ihr mögt wohl in Ungewissheit sein. In zweifelhaften Angelegenheit stellt sich in der Tat Ungewissheit ein.“ Dann nannte er zehn Gründe, nicht zu glauben, was einem andere erzählen. Unter anderem sagte er, man müsse etwas nicht glauben, nur weil es auf einer Tradition beruhe, weil es mit einer Theorie übereinstimme, die man bereits glaube, oder weil die betreffende Person berühmt sei oder der eigene Lehrer sage, das sei so.

Anschließend gab er folgenden Rat: „Wenn ihr für euch selber wisst, dass die Lehren tadelswert sind, sie von Weisen abgelehnt werden und dass das Befolgen und Ausüben solcher Lehren zu Schaden und Übel führt, dann tut ihr gut daran, solche Lehren nicht zu befolgen und nicht auszuüben.“ Er warnte seine Zuhörer vor den Folgen von Gier, Hass oder Unwissenheit. Er ermutigte die Kalamer, Lehrern zu folgen, die sie darin bestärken, Mitgefühl, liebende Güte, Gleichmut und Mitfreude zu entfalten. – Eine Empfehlung, der noch heute aktuell und sinnvoll erscheint: Einem  Meister zu folgen, heißt nicht, die Verantwortung für das eigene Denken und Handeln abzugeben, sondern ein Vorbild zu wählen, das einen lehrt und darin bestärkt, liebevoller, gelassener und weiser zu werden.
Buchtipps:

Janwillem van de Wetering: Der leere Spiegel. Erfahrungen in einem japanischen Zen-Kloster, Reinbek (rororo Taschenbuch) 2007, ISBN 978-3-499-62334-9

Karlfried Graf Dürckheim: Der Ruf nach dem Meister: Die Bedeutung geistiger Führung auf dem Weg zum Selbst, München (O.W. Barth Verlag) 2010, 978-3-426-29114-6

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