Mit den Farben der Seele
Sabine Neureiter
 

Mit den Farben der Seele

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Portrait Moon McNeill

Klare Seeluft und einsame Natur tun ihr gut: Fahrradfahren, Spaziergänge in der Küstenlandschaft außerhalb von Kiel, wo Moon McNeill seit einigen Jahren lebt. Doch im Winter, wenn man sich draußen nicht lange aufhalten kann und das Inversionswetter immer wieder Rauch und Abgase zu Boden drückt und einem den Atem nimmt, verlässt die gebürtige Lübeckerin kaum mehr das Haus. Busfahrten oder Kaufhausbesuche sind gänzlich ausgeschlossen, denn überall, wo man Menschen nahe kommt, kommt man auch in Kontakt mit Duftstoffen und Ausdünstungen von Chemikalien. Und die machen Moon McNeill krank.

Auf der Suche nach einer rätselhaften Krankheit

Die 54-Jährige leidet an MCS – Multipler Chemischer Sensitivität – einem Krankheitsbild, das erst seit gut 20 Jahren überhaupt einen Namen hat. Selbst winzigste Spuren chemischer Substanzen können schwere Anfälle von Atemnot, Kopf- und Gliederschmerzen wie auch Konzentrationsstörungen und Depressionen auslösen.
Aufgrund der vielfältigen und – isoliert betrachtet – unspezifischen Symptome sowie der Vielzahl und Omnipräsenz möglicher Auslöser wird MCS meist nicht diagnostiziert: So litt Moon McNeill schon seit Mitte der 70er Jahre unter unterschiedlichen Beschwerden und Beeinträchtigungen, von allergischen Reaktionen auf Duftstoffe bis zu massiven Gliederschmerzen, ohne dass mit den üblichen Tests eine Diagnose gestellt werden konnte. Ihre Krankenakte wurde immer dicker, doch die Ärzte zogen aus der Vielzahl ergebnisloser Untersuchungen nicht den Schluss, dass vielleicht ein anderer diagnostischer Ansatz, ein neuer Blick auf die Gesamtheit der Symptome gesucht werden müsse. Stattdessen schob man, was bei unerkannten Krankheiten nicht selten geschieht, die Ursache für die Beschwerden auf die Psyche, unterstellte Moon McNeill Hypochondertum oder empfahl ihr eine Psychotherapie.

Bücherstaub, Schwermetalle und Wandfarben

Unterdessen wurde die gelernte Buchhändlerin, die Volkskunde und Tibetologie studierte, immer kränker. Sie gab ihre Arbeit in der Bibliothek des Völkerkundemuseums in Hamburg auf, weil der Staub der Bücher ihr zu sehr zusetzte, und versuchte es mit einem neuen, gesünderen Beruf als Naturkostfachverkäuferin. Ende der 90er Jahre beschloss sie, die Großstadt zu verlassen und an die Küste zu ziehen; doch zuvor, als sich der Verdacht auf eine Amalgam-Vergiftung verdichtete, ließ sie ihre Zahnfüllungen entfernen. Bei dieser Prozedur aber wurde das Gift erst richtig freigesetzt und das Quecksilber gelangte in ihren ohnehin schon belasteten Organismus. Schwermetalle wie Quecksilber können vom Körper nicht abgebaut werden, sondern reichern sich an. Wenig später, als McNeill vor dem Wegzug ihre Wohnung selbst renovierte, erlitt sie einen völligen gesundheitlichen Zusammenbruch. Ähnlich wie bei Allergien kann es auch bei Reaktionen auf Schadstoffbelastung zu einer Generalisierung kommen: Plötzlich geht nichts mehr. Alles – selbst winzigste Spuren chemischer Substanzen – löst Schmerzen, Atemnot, Angstzustände, sogar Herzrhythmusstörungen aus. McNeill kam in ein Krankenhaus, doch erst eine Hausärztin mit einer umweltmedizinischen Zusatzausbildung stellte die richtige Diagnose: MCS – multiple chemische Sensitivität.

Chemie ist überall

Heilbar ist diese Erkrankung nicht. Und es ist sehr schwer, die Auslöser zu meiden: Möbel aus Hartfaserplatten, Teppiche, Textilien, Holzschutzmittel, Farbe und Kunststoffe aller Art dünsten Lösungsmittel aus, und so gut wie alle Seifen, Cremes, Waschpulver und Reinigungsmittel sind parfümiert, meist mit synthetischen, aus Erdöl hergestellten Duftstoffen. Kosmetik, Kleider, Häuser, Transportmittel und Verpackungen, die Luft, die wir atmen – unsere ganze Lebenswelt ist voller Chemikalien, ohne dass wir groß darüber nachdenken. MSC bedeutet, über alles – aber auch alles! – nachdenken zu müssen, was man ins Leben lässt. Denn alles kann schaden.

So stand Moon McNeill auf einmal vor der Erkenntnis, „300 Dinge nicht mehr tun zu können“. Eine niederschmetternde Erkenntnis für eine Frau Anfang Vierzig, die fremde Kulturen studiert hatte, aber nie durch die Welt hatte reisen können. „Wenn das jetzt mein Leben war, habe ich so gut wie alles verpasst“, konstatierte sie. Aber Moon McNeill ist keine Person, die schnell kapituliert. Und so fragte sie sich, als die erste Verzweiflung nachließ: Was würde ich tun, wenn ich noch einmal ganz von vorne beginnen könnte? Die Antwort kam sehr klar: Malerin werden.

Du hast keine Chance, nutze sie!

Das Malen war immer selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens gewesen, als Hobby, das sie zur Entspannung ausübte. Und da gab es den Großvater, der Landschaftsmaler und Naturschützer im Mecklenburgischen gewesen war: Walter Gotsmann. Moon McNeill hatte ihn zwar selbst nie kennen gelernt, doch in seinen Bildern und den Erzählungen der Großmutter war in der Familie immer sehr präsent gewesen. Mittelbar hat er ihren Blick auf die Natur, aber auch auf die Malerei geschärft und zur Entwicklung ihres Farbsinns beigetragen. An diesem Wendepunkt im Leben entschloss sich Moon McNeill, ihm zu folgen. „Du hast nichts zu verlieren“, sagte sie sich damals, „du kannst nur gewinnen. Du kannst nicht ins Kino, doch du kannst DVDs ansehen. Du hast Fantasie und Kreativität, Du kannst auch in Gedanken reisen, nach Kappadokien oder wohin du willst...“ So ging sie, wie sie sagt, „in Klausur mit mir selbst“.

Auf den Spuren des Großvaters, aber ganz aus ihrer eigenen Imagination visualisiert sie in ihrem kleinen Atelier abstrahierte Landschaften – Landschaften der Seele, vielleicht, Felder und Horizonte, Furchen und Höhezüge der menschlichen Existenz, des Schauens und Fühlens. Ohne ihre MCS-Erkrankung wäre Moon McNeill das Wagnis, eine Künstlerexistenz aufzubauen, wohl nicht eingegangen. Sie verstand die Krankheit auch als Botschaft. Als die Diagnose, die erst einmal gestellt war, recherchierte und informierte sich. Umwelterkrankungen entstehen aus der Kombination von Vergiftung, Abwehrschwäche und Problemen bei der Entgiftung. Also trennte sie sich von allem, was ihr nicht gut tat – auch auf der persönlichen Ebene. Statt die Erwartungen anderer zu erfüllen und sich davon vereinnahmen zu lassen, entschloss sie sich, endlich ihr eigenes Leben zu führen. Dabei stellte sie die Erkrankung vor eine zusätzliche Herausforderung: Denn Farben sind ja Chemieprodukte, und nicht wenige Maler in der Kunstgeschichte erlitten schwere Vergiftungen. McNeill musste also Farben finden, deren chemische Beschaffenheit ihr nicht schadete. Im Internet stieß sie auf „Safe Art“, sie trat in Kontakt mit anderen Betroffenen und gründete das Netzwerk „Creative Canaries“ für umweltkranke Künstler.

Doch wovon leben?

Um ihren Lebensunterhalt unter den neuen Umständen zu sichern, arbeitete sie eine Weile auf einer Behindertensonderstelle in einem Reisebüro, doch auf Dauer ließ sich die Arbeit außer Haus nicht durchhalten. Nicht die Arbeit als solche bereitet Moon Probleme, doch die erforderlichen Rahmenbedingungen, um arbeiten zu können, sind in einem Betrieb auch ohne Kundenkontakt nur schwer herstellbar. Was auch immer am Arbeitsplatz an Materialien zum Einsatz kommt, bedarf der Prüfung auf Verträglichkeit, und striktes Parfümverbot bedeutet für alle Mitarbeiter eine Einschränkung und Komplikation im täglichen Leben, die die meisten auf Dauer als Zumutung empfinden. Eine Kollegin, auf die man immer Rücksicht nehmen muss, die vielleicht weniger leistungsfähig ist und dazu auch noch „Extrawürste“ braucht – da reagiert, je nach Betriebsklima, manch einer empfindlich. Anfeindungen, sogar Mobbing können die Folge sein, die wiederum den Betroffenen das Leben zusätzlich schwer macht.

Not macht erfinderisch, sagt eine Redewendung. Und so entwickelte McNeill, nachdem klar war, dass sie auf die Dauer nur von zu Hause aus würde arbeiten können, einigen Erfindungsreichtum. Als Kulturwissenschaftlerin und Buchhändlerin war ihr der Umgang mit Sprache und Texten vertraut; also machte sie das Schreiben zum zweiten Standbein ihrer neuen, durchaus prekären Existenz: Sie verfasst Web-Texte für Unternehmen und Agenturen, vor allem zur Suchmaschinenoptimierung. Mit neuen Computerprogrammen und den aktuellen Entwicklungen im Internet machte sie sich autodidaktisch vertraut.

Zusätzlich übernahm sie nächtliche telefonische Bereitschaftsdienste für ein Bestattungsunternehmen, weil das Texten allein nicht genug abwirft. Außerdem engagiert sie sich, erst für die „Creative Canaries“, jetzt – nach der Vollendung ihres Buches (vgl. Buchtipp) – für eine Anerkennung von MCS, die von Lobbyisten der chemischen Industrien bagatellisiert und negiert wird. Und natürlich braucht sie Zeit für die Malerei. Ein solches Pensum ist keineswegs immer leicht, zumal es Tage gibt, an denen sie sich nur unter Schmerzen bewegen kann.

Hindernisse überwinden, Neues wagen

Aufgrund ihrer Krankheit führt Moon McNeill mit ihrer – gleichfalls von MCS betroffenen – Lebensgefährtin und ihrem kleinen Hund ein sehr zurückgezogenes Leben, da es kaum Menschen gibt, die so „chemiefrei“ leben, wie es erforderlich wäre, damit Moon einen engeren persönlichen Kontakt zu ihnen haben kann. Ausgleich sind der Aufenthalt in der Natur, den sie sucht, wann immer es möglich ist, und das Internet, durch das Moon McNeill neue Freundschaften gefunden hat.

Der finanzielle Ertrag der Malerei ist noch nicht ausreichend: Farben, Leinwände und Ausstellungen verursachen erst einmal Kosten; als spät berufener Künstlerin, ohne akademischen Hintergrund, bleiben Moon McNeill mancherlei Fördermöglichkeiten für junge Künstler und Netzwerke verschlossen. Andererseits lassen sich immer neue Menschen von McNeills Arbeiten faszinieren: Sie sehen und schätzen die Konzentration, die aufregende Harmonie und innere Kraft ihrer leuchtenden Farbkompositionen. Die Energie und Emotionalität ihrer Bilder jenseits von Dekor und „Ismen“ sprechen unmittelbar zum Betrachter und üben eine positive, stärkende Wirkung aus – eine Wirkung, die auch den Patienten der Klinik in Eckernförde zu Gute kommt, wo Moon McNeill die neue Intensivstation mit Bildern ausgestaltete. Projekte dieser Art würde sie gerne mehr realisieren, denn mit dem Zusammenhang von Kunst und Heilung ist sie aus eigener Erfahrung vertraut wie nur wenige.

Aus der Kunst Kraft schöpfen

Auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, bedeutet: Sich besinnen. Das Eigene finden. Und man braucht Disziplin. Den Willen, sich immer wieder von neuem ins Ungefähre, Unklare vorzuwagen – materiell, geistig, existenziell. Diese Erfahrungen und das bewusste Erleben und Durchleben von schöpferischen Prozessen in der Malerei vermittelt Moon McNeill auch anderen Menschen: Sie hat einen Online-Kurs für Farbfeld-Malerei entwickelt, denn viele Leute können nicht zu normalen Unterrichtszeiten und regelmäßigen Terminen Kurse besuchen: Mütter, sie sich zwischendurch ein wenig Zeit für sich selbst abknapsen, Leute, die beruflich stark beansprucht sind und nur unregelmäßig Zeit finden, Behinderte, die nicht mobil sind oder nicht unter Leute gehen können wie sie selbst oder Menschen, die allein und persönlich betreut werden möchten.

Kunst ist Kommunikation

Im Online-Kurs stellt McNeill Aufgaben, die die Teilnehmer in ihrem eigenen Tempo bearbeiten; sie scannen ihre Bilder und senden sie per Mail zur Betrachtung, bekommen Anregungen, Erklärungen, Tipps und Antworten auf ihre Fragen. McNeill hatte sich alle Techniken selbst erarbeiten müssen; deshalb will sie es anderen erleichtern, das Handwerkszeug zu erlernen. Die künstlerische Aussage kann man nicht lehren, wohl aber Technik, einschließlich der Wahl nicht-schädlicher Farben. Dabei geht es Moon McNeill aber immer darum, Technik nicht als Selbstzweck zu vermitteln, sondern Fragen der Gestaltung der Inhalte, des künstlerischen Wollens mit zu reflektieren. „Kunst ist Kommunikation – ein Bild hat eine Aussage. Es tritt in Dialog mit dem Betrachter!“

Was Moon McNeill über den künstlerischen Prozess sagt, lässt sich auch auf das Leben überhaupt beziehen, mit und ohne Krankheit: „Man darf nicht zuviel wollen“, erklärt sie. „Beim Malen sind das Bewusstsein und das Unbewusste gleichermaßen beteiligt; es geht darum, es fließen zu lassen und der inneren Führung vertrauen. Gedankenmüll hat dabei nichts zu suchen. Malen ist ein meditativer Akt, in dem Zufälle eine Rolle spielen, in dem etwas zum Fließen kommt: Im Idealfall – da ist auch immer etwas göttliche Hilfe dabei – kommt man dahin, dass man im Einklang mit sich selbst und dem Universum schwingt. Das ist dann Glück.“
Buchtipp
Moon McNeill: Wenn Kunst krank macht. Vom allzu sorglosen Umgang mit Künstlermaterialien. Books on Demand April 2010, ISBN 978-3839148785 Pick It!

Wer das Buch über www.moonmcneill.de bestellt, erhält einen Vorzugspreis bzw. Studentenermäßigung gegen Nachweis.

Rezension auf Aviva Berlin

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