In der heutigen Wissensgesellschaft nehmen Erfahrungswissen und das eigene Ausprobieren von Lösungswegen einen eher untergeordneten Rang ein. Zu Recht?
„Wissen ist Macht“, lautet ein viel zitierter Spruch des englischen Philosophen Francis Bacon (1561 - 1626). - Wird das Wissen heute überbewertet? Sollte es besser heißen: „Erfahrung ist Macht“? - Generationen von Philosophen haben sich mit der Bedeutung des Wissens für das Individuum und die Gesellschaft auseinandergesetzt und Wissen ganz unterschiedlich definiert. „Wissen ist wahre, gerechtfertigte Meinung“, formulierte der Philosoph Platon in seinem Werk Theaitetos eine mögliche Definition. Doch die Suche nach Wissen, das Ringen um Wahrheit reicht in der Geschichte noch weiter zurück als in die Antike. Denn seit jeher sammeln Menschen Erfahrungen, um das eigene Überleben und das ihrer Sippe, ihres Stammes, ihrer Familie zu sichern. Die Kenntnisse wurden beständig überprüft, verglichen, ergänzt, aktualisiert und in früheren Zeiten ausschließlich mündlich weitergegeben. Während später in Bücher gefasstes Wissen jahrhundertelang nur wenigen Gelehrten und Geistlichen vorbehalten war, ist in unserer akademisches Wissen weltweit einem Großteil der Menschen zugänglich. Heute verfügt die Menschheit in vielen Bereichen über ein von der Allgemeinheit weitgehend anerkanntes Wissen - etwa im Bereich der Naturwissenschaften in Biologie, Physik, Chemie oder der Astronomie. Mit Ausnahme einiger undemokratischer Länder oder bitterarmer Regionen hatten noch nie so viele Menschen Zugriff auf Wissen in Form von Schul- und Universitätsbildung, Bibliotheken, Archiven, Datenbanken und des Internets. Auf der ganzen Welt wird eifrig geforscht und dokumentiert und die Menge des Wissens vergrößert sich ständig. Das World Wide Web erleichtert den globalen Abgleich verschiedener Informations- und Forschungsstände.
Wer lernt, studiert und forscht, tut das oft aus der Freude heraus, sich in ein Sachgebiet zu vertiefen, aus der Leidenschaft, Fragen nachzugehen, Rätsel zu lösen und Unbekanntes zu entdecken. Zum anderen steigen mit wachsender Qualifikation die beruflichen Möglichkeiten. Wie hoch die Wertschätzung für das akademisch erworbene Wissen ist, lässt sich an Bezahlung und Aufstiegschancen der Akademiker ablesen.
Wer lernt, studiert und forscht, tut das oft aus der Freude heraus, sich in ein Sachgebiet zu vertiefen, aus der Leidenschaft, Fragen nachzugehen, Rätsel zu lösen und Unbekanntes zu entdecken. Zum anderen steigen mit wachsender Qualifikation die beruflichen Möglichkeiten. Wie hoch die Wertschätzung für das akademisch erworbene Wissen ist, lässt sich an Bezahlung und Aufstiegschancen der Akademiker ablesen.
Ausprobiertes Erfahrungswissen
Im Unterschied zum Hochschulstudium sind Ausbildungsberufe mehr von Erfahrungswissen geprägt. Wer eine Lehre absolviert hat, Künstler oder Sportler geworden ist oder im Heil-, Pflege- oder Beratungsbereich tätig ist, geht nicht selten explorativ vor und gewinnt Erkenntnisse aus assoziativem Denken ganzheitlicher Wahrnehmung. Meister oder Gesellen zeigen dem Lehrling praktische Arbeitsschritte, die von Hand nachgemacht und geübt werden sollen. Wichtig sind die Erfahrungen der Älteren, die dem Neuling Tipps verraten, bestimmte Handgriffe und Techniken vorführen. Diese Art von Wissen ist je nach Berufsbild oft an die persönliche Vermittlung gebunden und häufig nur schwer schriftlich oder rein theoretisch zu vermitteln, sondern muss vom Einzelnen erprobt und geübt werden. Denn erst während des Baus eines Möbelstücks, dem Bearbeiten eines Steins oder eines Metallteils an der Werkbank stößt der Berufsanfänger auf entscheidende Detailfragen, die zum Missglücken der Arbeit führen können. Werden Fehler gemacht, wird womöglich das zu bearbeitende Material unbrauchbar. Diese Art von Praxiswissen und praktischem Können erwirbt man im Wesentlichen durch Learning by Doing: Jeder, der zum Beispiel versucht, einen Schrank zu schreinern, stößt zunächst auf mehr oder weniger die gleichen Problemstellungen und erwirbt, indem er sie bewältigt, Erfahrungswissen. Je länger und intensiver die Praxis, je größer das Spektrum von Herausforderungen, die einer meistert, desto mehr kann das Erfahrungswissen an Tiefe und/oder Breite zunehmen. Doch es lässt sich nicht immer in Anleitungen fassen; es wirkt häufig in den Sinnen – der Steinmetz sieht, ob der Block auch im Inneren intakt ist, die Physiotherapeutin spürt in den Fingerspitzen, wo die Verspannung sitzt. Manchen Menschen hilft ihr Talent auf diesem Weg – ein spezielles „Gespür“ für Materialien, ein Sinn für Proportionen, ein besonderes Sensorium für das Befinden anderer Menschen. Das heißt nicht, dass in solchen Berufen nicht auch gedacht und gelernt wird: In vielen Heil-, Pflege- und Beratungsberufen - in der anthroposophischen Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) oder der Fußreflexzonenmassage, um nur ein paar Beispiele zu nennen - kommt es neben einem profunden Wissen um Fakten und Zusammenhänge genau auf diesen persönlichen Erfahrungsschatz und auf Fähigkeiten im Umgang mit Menschen an, also auf die soziale und emotionale Intelligenz. Hier zählen auch empathische Eigenschaften wie Fürsorglichkeit, Nächstenliebe und Mitgefühl, die meist weniger durch das Lesen von Büchern als durch persönliche Erfahrungen und das Arbeiten an sich selber im Laufe des Lebens weiterentwickelt werden.Die globalen Probleme meistern
Die derzeit weltweit anstehenden Probleme verlangen nach Lösungen. Hunger, Überbevölkerung, knapper werdende Rohstoffe, Kriege, Klimawandel und Umweltzerstörung und viele andere brennende Fragen müssen von der Menschheitsfamilie gemeinsam bewältigt werden. Da sind geschulte und gebildete Köpfe gefragt, modernste Technik und ihr professioneller Einsatz – kurzum: umfassendes Wissen. „Wir brauchen nicht mehr Wissen, sondern mehr Weisheit“, schreibt der US-amerikanische Meditationslehrer Jack Kornfield in „Buddhas kleines Weisungsbuch“ und fügt hinzu, „Weisheit kommt von unserer eigenen Aufmerksamkeit“. Soll heißen: Wer sich bemüht, achtsam durchs Leben zu gehen, sammelt bewusst Erfahrungen, die in den persönlichen Erfahrungsschatz einfließen und bei Bedarf genutzt werden können. Denn erst durch persönliche Erfahrung – durch Rückschläge und Erfolge - versteht und lernt der Einzelne, wann und wie er sein Wissen, seine Fähigkeiten zielführend einsetzen kann, versteht er immer mehr das Prinzip von Ursache und Wirkung. Selber etwas auszuprobieren, etwas zu wagen, hat immer auch etwas Mutiges und Kreatives, manchmal auch etwas Einzigartiges und beglückend Schönes. Als der Extrembergsteiger Reinhold Messner als erster Mensch den Mount Everest (8.850 m) ohne künstlichen Sauerstoff bestieg, hielt 1978 nicht nur die Fachwelt den Atem an. Zwei Jahre später war Messner der Erste, der es schaffte, den höchsten Berg der Welt ganz alleine zu erklimmen. Doch was sagt Messner: „Nicht der Gipfel war wichtig, sondern die Erfahrung, die es so nicht gab“. Vielleicht sollte daher der Spruch „Wissen ist Macht“ doch abgewandelt werden? – Etwa in den Aufruf: „Macht Erfahrungen!“Letzte Kommentare
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