Rein materiell betrachtet existieren Farben eigentlich nicht. Doch sie wirken auf den Menschen: Sie transportieren Bedeutungen und können das körperliche und seelischen Befinden beeinflussen, weshalb sie auch therapeutisch genutzt werden. Die erste Folge der kleinen Farbenlehre ist Grün gewidmet.
„Die Erfahrung lehrt uns, dass die einzelnen Farben besonders Gemüthsstimmungen geben,“ wusste schon Johann Wolfgang von Goethe; seine Farbenlehre stellt ein Bindeglied zwischen symbolisch-analogem Denken der abendländischen Überlieferung und moderner naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise dar. Auch für den Schweizer Maler und Pädagogen Johannes Itten war klar: „Farben sind Strahlungskräfte, Energien, die auf uns in positiver oder negativer Weise einwirken, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht“. Nach Goethe hat der Bauhaus-Lehrer und spirituelle Schweizer Kunstpädagoge Itten, dem wir den Farbkreis verdanken, unser Bild und unsere Vorstellungen von Farben wohl am stärksten geprägt.
Gesellschaftlich und politisch betrachtet, steht Grün für uns Heutige, die wir in einer westlich geprägten Industriegesellschaft und einem dicht besiedelten Land eher naturfern leben, für Naturschutz und Ökologie – auch für die Notwendigkeit, die Natur vor den Folgen unserer Zivilisation zu retten. In früheren Zeiten hingegen und auch heute unter anderen Lebensverhältnissen, wenn wilde Wälder und Dschungel den Lebensraum prägen, gehören zum Grün auch die bedrohlichen Seiten der Natur: Da verbergen sich Tiere in grüner Tarnung, giftgrün sind Mineralien und Dämpfe, kriechen Frösche, Echsen, Schlangen. Der ambivalente Erlebnisraum Wald in Mythos und Märchen umfasst alle Schattierungen, vom dunklen Dickicht bis zum lichten Grün einer blühenden Wiese.
Jeder Garten ist ein Versuch, es neu erstehen zu lassen – so, wie es der Mensch in seiner Gesellschaft und Epoche ersehnt: die ausgezirkelte Architektur der barocker Schlossgärten mit ihren Heckentheatern und Wasserspielen ebenso wie die gestaltete Ideallandschaft englischer Parkanlagen, der Klostergarten wie der Bauerngarten und auch der Reihenhausvorgarten mit Zwerg oder Rehlein – alles Abbilder vom Garten Eden.
Ganz ähnlich wird in der chinesischen Tradition Grün dem Element bzw. Wandlungsprinzip Holz zugeordnet, das die empor strebenden Kräfte, die expansive und erneuernde Energie verkörpert.
Welche Kostbarkeit die Paradiesfarbe Grün im arabischen Kulturkreis darstellt, ist für den von dieser Farbe verwöhnten Mitteleuropäer gar nicht so leicht vorstellbar: das Leben spendende, lebensrettende Grün einer Oase in der Wüste, die Farbe des Propheten, die Farbe der Barmherzigkeit.
Vor der Entwicklung synthetischer Farben war Grün, die in der Natur alles in allem häufigste Farbe und schon deshalb in der Malerei unverzichtbar, paradoxerweise besonders schwer herstellbar. Zwar gab es grünliche Erden, doch Grün, das leuchten sollte, wurde durch die Korrosion von Metall gewonnen: Man hängte Kupfer über ein Essigbad, so entstand Grünspan, das bis weit ins 18. Jahrhundert hinein verwendet wurde; es schwärzte jedoch leicht nach und erforderte zusätzliche Fixierung. Auch Malachit (Kupferkarbonat), das der Naturkunde des Plinius zufolge auch vor bösen Geistern schützt, wurde zu Pigment verrieben und zum Malen benutzt – in Europa ebenso wie in China, etwa für die Heiligenscheine auf Buddha-Darstellungen.
Ende des 18. Jahrhunderts kam mit dem indischen Mystizismus und persischen Miniaturen Grün in Europa in Mode – nicht zufällig zu einer Zeit, da Aufklärung triumphierte, das Bürgertum aufstieg, die Städte wuchsen: Da wurde nun die Natur als faszinierend und wundersam empfunden. Ein deutscher Chemiker entdeckte ein fabelhaftes neues Grün, das wahrscheinlich einer Menge Menschen – einer Vermutung zufolge vielleicht auch Napoleon auf St. Helena – das Leben kostete: Scheeles Grün enthielt einiges an Arsen.
„Wir sehen das einfache Grün einer frisch gemähten Wiese mit Zufriedenheit, ob es gleich nur eine unbedeutende Fläche ist, und ein Wald thut in einiger Entfernung schon als große einförmige Masse unserem Auge wohl“, beschrieb Goethe eine der Haupteffekte von Grün: Beruhigung, Ausgleich, Harmonisierung. Grün gilt von seiner psychischen Wirkung als beruhigend, friedvoll, auch sanft oder erfrischend. Freilich spielt auch die spezielle Farbnuance eine Rolle; verschiedene farbpsychologische Systeme kommen zu Varianten in der Zuordnung bzw. Wirkung von Grüntönen.
Um die Wirkung einer Farbe zu empfinden, muss sich das Auge ganz mit ihr umgeben, etwa durch ein einfarbiges Zimmer oder farbiges Glas: „Man identifiziert sich als dann mit der Farbe; sie stimmt Auge und Geist unisono.“ Hier knüpfte ein Jahrhundert später Rudolf Steiner an, Herausgeber und Kommentator von Goethes naturwissenschaftlichen Werken und Begründer der Anthroposophie. Zur Kunsttherapie als wichtigem Teil der anthroposophisch erweiterten Medizin gehört auch der Umgang mit Farben. Die Kunsttherapeutin und Schulgründerin Rose Maria Pütz entwickelte ein Konzept von Farbmeditation, bei der Aquarellfarben übereinander gelegt werden. Aber auch die bloße Visualisierung von Farbe bei der Meditation bewirkt diese „Unisono-Stimmung“ des Menschen auf allen Ebenen – im Falle von Grün Beruhigung und Ausgleich, Erfrischung und Regeneration, Konzentration und seelische Ausgeglichenheit.
Ausgangspunkt Naturerfahrung
Grün ist die Farbe des Frühlings, der sprießenden Pflanzen und der jungen Blätter. Immer schon und überall auf der Welt ist Grün verknüpft mit der Natur und ihrem Wachstum. In Klimazonen, in denen Wälder und üppige Vegetation zu Hause sind, existiert Grün in der Sprache und Vorstellungskraft in vielerlei Nuancen: Es gibt helle Grüntöne wie Maigrün oder Lindgrün, mittlere wie Grasgrün oder Blattgrün und dunkle wie Tannengrün oder Moosgrün.Gesellschaftlich und politisch betrachtet, steht Grün für uns Heutige, die wir in einer westlich geprägten Industriegesellschaft und einem dicht besiedelten Land eher naturfern leben, für Naturschutz und Ökologie – auch für die Notwendigkeit, die Natur vor den Folgen unserer Zivilisation zu retten. In früheren Zeiten hingegen und auch heute unter anderen Lebensverhältnissen, wenn wilde Wälder und Dschungel den Lebensraum prägen, gehören zum Grün auch die bedrohlichen Seiten der Natur: Da verbergen sich Tiere in grüner Tarnung, giftgrün sind Mineralien und Dämpfe, kriechen Frösche, Echsen, Schlangen. Der ambivalente Erlebnisraum Wald in Mythos und Märchen umfasst alle Schattierungen, vom dunklen Dickicht bis zum lichten Grün einer blühenden Wiese.
Urbild der Menschheit
Ein Baum, ein Anger und womöglich ein Bächlein bilden die Chiffre für den perfekten Ort, an dem der Mensch glücklich und geborgen ist: Der „locus amoenus“ ist ein zentrales Motiv in der Kunst seit der Antike. Geschützt, genährt und im Einklang mit der Vollkommenheit der Schöpfung – diesen Zustand ursprünglicher Harmonie ersehnt der Mensch seit je, und das Paradies, das verlorene, ist grün.Jeder Garten ist ein Versuch, es neu erstehen zu lassen – so, wie es der Mensch in seiner Gesellschaft und Epoche ersehnt: die ausgezirkelte Architektur der barocker Schlossgärten mit ihren Heckentheatern und Wasserspielen ebenso wie die gestaltete Ideallandschaft englischer Parkanlagen, der Klostergarten wie der Bauerngarten und auch der Reihenhausvorgarten mit Zwerg oder Rehlein – alles Abbilder vom Garten Eden.
Symbol und Kultur
Die Bedeutung von Farben ist kulturell kodiert. Der symbolische und der allegorische Gebrauch (in seiner Farbenlehre unterscheidet Goethe die Symbolwirkung, die intuitiv erfasst wird, von einem Farben-Sinn, der verabredet und erlernt wird) von Farben ist in verschiedenen Ländern oder Religionen unterschiedlich. Doch immer bildet die Farberfahrung in der Natur die emotionale Grundlage, auf der der Farbe soziokulturelle und spirituelle Inhalte zugesprochen werden: „Die Kultsymbolik beruht auf dem natürlichen Farberlebnis“, so die Farbpsychologin Ingrid Riedel. Bei Grün wird das besonders deutlich: Wachstum, Frühling, Jugend sind die wesentlichen Bedeutungsdimensionen nicht nur in der europäisch geprägten Kultur.Hoffnung, Expansion und Barmherzigkeit
Auch Hoffnung und Inspiration assoziiert das Abendland mit Grün, wenngleich Grün in der Reihe der liturgischen Farben eine eher alltägliche Rolle zukommt: In der katholischen Kirchen wird es den Sonntagen nach Pfingsten ohne besondere Heiligenfeste zugeordnet, in der lutherischen Kirche den Sonntagen auch nach Epiphanie (Dreikönig). Hildegard von Bingen imaginierte Sophia, die Verkörperung der weiblichen Weisheit, in einem grünen Mantel; als Grünkraft – lateinisch viriditas – bezeichnete sie die Kraft, die in allem Lebendigen wirkt und die zu Entwicklung und Entfaltung drängt: die Lebensenergie schlechthin.Ganz ähnlich wird in der chinesischen Tradition Grün dem Element bzw. Wandlungsprinzip Holz zugeordnet, das die empor strebenden Kräfte, die expansive und erneuernde Energie verkörpert.
Welche Kostbarkeit die Paradiesfarbe Grün im arabischen Kulturkreis darstellt, ist für den von dieser Farbe verwöhnten Mitteleuropäer gar nicht so leicht vorstellbar: das Leben spendende, lebensrettende Grün einer Oase in der Wüste, die Farbe des Propheten, die Farbe der Barmherzigkeit.
Grün als Farbe
Grün ist in allen alten Farbsystemen eine elementare Farbe. Erst Goethe beschreibt in seiner naturwissenschaftlichen Farbenlehre Grün als Sekundärfarbe, bestehend aus den Primärfarben Gelb und Blau. Im Farbdruck wird Grün auch heute meist aus Gelb und Blau gemischt, doch im Farbsystem von Computerbildschirmen ist grün in die Reihe der „Grundfarben“ zurückgekehrt.Vor der Entwicklung synthetischer Farben war Grün, die in der Natur alles in allem häufigste Farbe und schon deshalb in der Malerei unverzichtbar, paradoxerweise besonders schwer herstellbar. Zwar gab es grünliche Erden, doch Grün, das leuchten sollte, wurde durch die Korrosion von Metall gewonnen: Man hängte Kupfer über ein Essigbad, so entstand Grünspan, das bis weit ins 18. Jahrhundert hinein verwendet wurde; es schwärzte jedoch leicht nach und erforderte zusätzliche Fixierung. Auch Malachit (Kupferkarbonat), das der Naturkunde des Plinius zufolge auch vor bösen Geistern schützt, wurde zu Pigment verrieben und zum Malen benutzt – in Europa ebenso wie in China, etwa für die Heiligenscheine auf Buddha-Darstellungen.
Ende des 18. Jahrhunderts kam mit dem indischen Mystizismus und persischen Miniaturen Grün in Europa in Mode – nicht zufällig zu einer Zeit, da Aufklärung triumphierte, das Bürgertum aufstieg, die Städte wuchsen: Da wurde nun die Natur als faszinierend und wundersam empfunden. Ein deutscher Chemiker entdeckte ein fabelhaftes neues Grün, das wahrscheinlich einer Menge Menschen – einer Vermutung zufolge vielleicht auch Napoleon auf St. Helena – das Leben kostete: Scheeles Grün enthielt einiges an Arsen.
Wirkungen von Grün
An solche Folgen ist freilich nicht gedacht, wenn von den Wirkungen der Farbe die Rede ist.„Wir sehen das einfache Grün einer frisch gemähten Wiese mit Zufriedenheit, ob es gleich nur eine unbedeutende Fläche ist, und ein Wald thut in einiger Entfernung schon als große einförmige Masse unserem Auge wohl“, beschrieb Goethe eine der Haupteffekte von Grün: Beruhigung, Ausgleich, Harmonisierung. Grün gilt von seiner psychischen Wirkung als beruhigend, friedvoll, auch sanft oder erfrischend. Freilich spielt auch die spezielle Farbnuance eine Rolle; verschiedene farbpsychologische Systeme kommen zu Varianten in der Zuordnung bzw. Wirkung von Grüntönen.
Grün in Psychologie und Archetypenlehre
Nach dem Pfister Farbpyramidentest ist Grün Farbe des Kontakts, Laubgrün / Mittelgrün wird mit Ausgleich und Zufriedenheit assoziiert. Nach dem in den siebziger Jahren sehr populären Lüscher-Test deutet eine Präferenz von Blaugrün bzw. Tannengrün auf Willens- und Spannkraft; zugleich werden konzentrisch und autonom, defensiv sichernd, besitzend und beharrend als Persönlichkeitsmerkmale genannt. Diese zeigen eine gewisse Verwandtschaft zum Archetyp oder Urprinzip des Saturn, dem nach manchen Darstellungen gleichfalls dunkelgrün oder waldgrün zugewiesen wird (Saturn ist in der römischen Tradition auch der Gott des Ackerbaus!); andere Quellen ordnen Dunkelgrün dem Merkur zu. Im Gegensatz dazu gebe giftiggrün oder gelbgrün farbpsychologische Hinweise auf Begehrlichkeit bis ins giftig Triebhafte und auf expansive, überwuchernde Energie. Die Redewendung „grün vor Neid“ zeugt von der Geläufigkeit dieser Assoziation.Kombination und Kontext
Eine Farbe ist allerdings nie absolut zu sehen, sondern immer im Kontext. Deshalb fällt es manchen Menschen schwer, losgelöst von einem Gegenstand oder Verwendungszweck eine Lieblingsfarbe zu nennen. Und die wechselnden Farbmoden sind sicherlich ebenso sehr dem menschlichen Bedürfnis nach Abwechslung geschuldet als spezifischen Farbbedeutungen. Grün inmitten von Blau wirkt wärmer als in einem roten oder gelben Feld; Farbkombinationen können „schön“ – also harmonisch – oder unharmonisch aussehen, auf jeden Fall beeinflussen sie einander in ihrer Wirkung, die nicht nur visuell, sondern auch durch Temperaturempfindung und Schwingungen wahrgenommen wird. In den als „Aura-Soma“ bekannten Farbessenzen kodierte die Engländerin Vicky Wall auf mystische Weise Seelenstimmungen in Form von Farbkombinationen. So steht grün : grün dafür, Kreisläufe zu erkennen, smaragdgrün : hellgrün für die Überprüfung der Wahrheit, dunkeloliv : tiefmagenta für Hoffnung auf Neues und türkis : grün dafür, einen neuen Weg zu betreten.Therapeutische Wirkung von Farben
Therapeutisch eingesetzt wurden Farben schon in der Antike, vor allem Blau und Rot als die am deutlichsten kalte bzw. warme Farbe. Auch Goethe ordnete die Farben „Minus“ und „Plus“ zu, ganz ähnlich der chinesischen Vorstellung von Yin und Yang. In dem Abschnitt über die „Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben“ führt er aus, dass die Farbe „auf den Sinn des Auges, dem sie vorzüglich zugeeignet ist, und durch dessen Vermittlung auf das Gemüth, mit ihren allgemeinsten elementaren Erscheinungen, ohne Bezug auf die Beschaffenheit oder Form eines Materials (...) einzeln eine spezifische, in Zusammenstellung eine theils harmonische, theils charakteristische, oft auch unharmonische, immer aber eine entschiedene und bedeutende Wirkung hervorbringe, die sich unmittelbar an das Sittliche anschließt.“Um die Wirkung einer Farbe zu empfinden, muss sich das Auge ganz mit ihr umgeben, etwa durch ein einfarbiges Zimmer oder farbiges Glas: „Man identifiziert sich als dann mit der Farbe; sie stimmt Auge und Geist unisono.“ Hier knüpfte ein Jahrhundert später Rudolf Steiner an, Herausgeber und Kommentator von Goethes naturwissenschaftlichen Werken und Begründer der Anthroposophie. Zur Kunsttherapie als wichtigem Teil der anthroposophisch erweiterten Medizin gehört auch der Umgang mit Farben. Die Kunsttherapeutin und Schulgründerin Rose Maria Pütz entwickelte ein Konzept von Farbmeditation, bei der Aquarellfarben übereinander gelegt werden. Aber auch die bloße Visualisierung von Farbe bei der Meditation bewirkt diese „Unisono-Stimmung“ des Menschen auf allen Ebenen – im Falle von Grün Beruhigung und Ausgleich, Erfrischung und Regeneration, Konzentration und seelische Ausgeglichenheit.
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