Die Quelle der Energie
Shaolin Österreich
 
Mit Shaolin-Qigong ausgeglichener und leistungsfähiger im Alltag

Qi Gong oder Qigong – ein Teil der chinesischen Medizin, der Atem und Bewegung schult – wird seit einigen Jahren immer beliebter; inzwischen bieten auch Sportvereine und Volkshochschulen Qigong-Kurse an. Die Sportlehrerin und Journalistin Heidi Wahl wollte die fernöstliche Kunst aus erster Hand kennenlernen und besuchte ein Seminar des Shaolin-Tempels in Österreich.
Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Und zwar langsam. Sooo langsam, als ob eine Kamera das Heben und Senken des Brustkorbes in Superzeitlupe zeigte. Unterstützt wird das tiefe und bewusste Luftholen durch die Bewegung der Hände. Vom unteren Energiezentrum aus, das drei bis vier Finger breit unter dem Nabel liegt, bis zum mittleren Energiezentrum in Höhe des Brustbeines. Die Handflächen zeigen nach oben, die Fingerspitzen sind nahe beieinander. Bei Anfängern können sich die Mittelfinger auch berühren, so gelingt das Zusammenspiel von Atmung und Bewegung besser.

„Beim Einatmen die Hände langsam nach oben führen“, erklärt Shaolin-Mönch Shi Yan Liang, „oben, am mittleren Energiezentrum drehen, Handflächen zeigen dann nach unten. Langsam wieder nach unten führen, ausatmen.“ Der Lehrtrainer von Shaolin Österreich geht herum, korrigiert beim einen die Armhaltung und beim anderen sogar die Haltung der einzelnen Finger. Ein „ok“ vom Großmeister, begleitet von einem dezenten Nicken, ist das höchste der Gefühle für die Teilnehmer des Shaolin Qigong-Kurses.

Bewegung, Atem und Energie

Anfangs fallen die Übungen bei manchen noch etwas ungelenk aus, die Koordination von Atmung und Armen, Händen und Beinen gelingt nicht immer. Aber immer öfter. Je häufiger die Abfolgen wiederholt werden, umso geschmeidiger werden die Bewegungen und desto entspannter die Gesichter.

Die Stille im Raum ist absolut ungewohnt. Nur manchmal ist das Glockengeläut des nahen Kirchturms zu hören. Doch wer sich für diesen Qigong-Kurs auf über 1000 Höhenmetern angemeldet hat, sucht genau das: Ruhe, raus aus der Hektik des Jobs und des Alltags, endlich mal Zeit für sich haben und Energie tanken.

Apropos Energie: „Nur durch die Nase atmen, sonst geht zuviel Energie verloren durch den Mund“, erklärt der Mönch auf Nachfrage in einer Pause. 16 Frauen und Männer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen am dreitägigen Seminar in Hirschegg im idyllischen Kleinwalsertal teil. Manche haben Erfahrung mit Qigong, für andere ist es ein Versuch, ein erstes Ausprobieren einer asiatischen Bewegungsrichtung.

Mehr Wohlbefinden und Ausgleich zu Belastungen in Job und Familie

Carmen Büchel beispielsweise ist eine absolute Qigong-Anfängerin. Die 47-jährige Schweizerin und Mutter von vier Jungs hat sich angemeldet, „weil ich auftanken muss und eine Auszeit benötige“. Sie hat eine stressige Phase in der Familie hinter sich und braucht „dringend neue Kraft, die ich auch nach dem Seminar in meinen Alltag hinüberretten kann“. Ebenfalls ohne Vorkenntnisse ist Birgit Walch. Die Physiotherapeutin aus dem bayerischen Krumbach suchte etwas für sich, „um die täglichen Belastungen in der Arbeit auszugleichen, um runterzukommen und zusätzlich die Wirbelsäule zu stabilisieren“.

Im Unterschied dazu ist Gerhard Kokoll aus Wien ein fortgeschrittener Qigong-Praktiker. Der 60-jährige Personalberater im Ruhestand hat vor zwei Jahren schon einmal einen Kurs gemacht und erhofft sich nun, neue Bewegungen und effektive Übungen dazuzulernen. Immer montags besucht er in Wien einen Qigong-Kursus und übt „je nach Zeit auch zuhause noch allein vier- bis fünfmal pro Woche je 20 bis 30 Minuten“. Er hatte früher starke Verspannungen im Nacken, doch die sind dank Qigong jetzt weg. „Und auch beim Golfen gelingt mir das Drehen der Hüfte besser“, freut sich Kokoll; „außerdem habe ich mehr Energie und Luft.“

Geübt wird morgens drei Stunden, und nachmittags stehen noch mal drei Stunden auf dem Programm. Abends führt Robert Egger die müden, aber zufriedenen Qigong-Schüler in die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und in die Anatomie sowie Physiologie der Shaolin- Medizin ein. Egger, Vorstand von Shaolin Österreich, vertritt den Shaolin Tempel in Österreich offiziell, organisiert Seminare und Schulungen, vermittelt den theoretischen Hintergrund und die Shaolin-Philosophie. Der 43-Jährige Ingenieur kümmert sich aber auch um den Großmeister, kauft nachmittags ein und kocht abends die Leibspeise von Shi Yan Liang. Was das ist? „Ganz einfach. Gemüse aus dem Wok und Reis“, verrät Egger mit einem Lächeln, „das isst der Meister am liebsten.“

Die Energie bewusst durch den Körper lenken

Es gibt viele verschiedene Arten von Qigong, ausgesprochen Tschi Kung. Qigong lässt sich übersetzen mit „Energie üben“. Grundsätzlich unterscheiden die Experten zwischen bewegtem (äußerem) Qigong und stillem (inneren). Darüber hinaus gibt es das medizinische Qigong (Yijia) und die Kampfkunst (Wujia).

Unabhängig von der Qigong-Richtung: Die Übungen folgen einem festgelegten Ablauf und haben das Ziel, den Energiefluss anzuregen und die Energie zu erhöhen. „Dabei wird das Qi, also die Energie durch den Geist mit bewusster Aufmerksamkeit im Körper gelenkt, was dem Energieaufbau und der Gesundheitsvorsorge dient“, erklärt Robert Egger. Qigong ist zudem Basis der chinesischen Kampfkunst Kung Fu. In Hirschegg zeigt Großmeister Shi Yan Liang den Teilnehmern eine gesundheitsfördernde und körperbezogene Variante, nämlich das Yi-Jin-Jing-Qigong.

Die Eckpfeiler des auf Basis der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) des Shaolin Tempels entwickelten Programms sind Bewegung, Kraft und Stille. „Wer regelmäßig übt, entspannt und kräftigt seine Muskeln“, erklärt Egger „der Sauerstoffgehalt im Blut steigt, das Lungenvolumen nimmt zu und Verspannungen sowie energetische Blockaden lösen sich.“ Außerdem können die drei Shaolin-Formen Qigong, Kung Fu und Tai Chi dem Vorstand zufolge helfen, Stress abzubauen und Rückenschmerzen zu lindern., Sie erleichtern das Atmen, steigern die Konzentration und verkürzen nach Belastungen die Erholungszeit –  regelmäßiges Üben vorausgesetzt. Das gilt natürlich auch für alle anderen Qigong-Varianten.

Beweglichkeit und Kraft als geistige Disziplin

Am nächsten Morgen, Punkt 9 Uhr, beginnt Session Nummer drei. Als erstes sind wie immer die Aufwärmübungen dran. Shifu, also Meister Shi Yan Liang zeigt, was zu tun ist. Ohne mündliche Erklärungen. Zuschauen und nachmachen heißt das Prinzip. Erst einmal Kreisen der Fuß- und Handgelenke, dann Knie, Hüfte, Schulter und zuletzt der Kopf. Außer dem Knacksen eines Gelenks  in der letzten Reihe ist nichts zu hören. Es wird überhaupt wenig gesprochen in den sechs Trainingsblöcken.  Jeder ist bei sich, übt für sich, in seinem Tempo und seinem Atemrhythmus.

Als nächstes sind die Ba Jins dran, also die vorbereitenden Übungen für die eigentlichen Qigong-Abfolgen. Diese Ba Jins machen Muskeln, Sehnen und Bänder länger und vergrößern die Gelenkabstände. Hierzulande würde mandie Ba Jins vermutlich Beweglichkeitsübungen nennen und sie bei Wettkampf-Turnern ansiedeln. „Puuh“ stöhnt jemand. Bis auf eine Frau, die als Yogalehrerin arbeitet, kommt niemand in die Spagat-ähnliche Grätsche und an die extreme Beweglichkeit des Mönches heran. Wenn Shi Yan Liang sieht, dass jemand die gezeigte Position annähernd erreicht, legt er einfach nochmal nach: Es sieht aus, wie wenner seine Muskeln, Sehnen und Bänder ins Endlose dehnen kann. Seit er mit 14 Jahren ins Shaolin-Kloster eingetreten ist, gehören die Ba Jins und Qigong zu seinem täglichen Trainingsrepertoire.

Der Großmeister gehört zur 34. Generation der Shaolin-Mönche (siehe unten „Shaolin – Kloster und Kampfkunst mit Weltruhm“). Seit Oktober 2005 ist er in Europa. Auf Weisung des Kloster-Abtes Shi Yong Xin war Shi Yan Liang erst als Mönch und Lehrer im Shaolin Tempel Deutschland (Berlin), inzwischen leitet er Shaolin Österreich. Robert Egger zufolge ist er der einzig legitimierte Vertreter des Shaolin-Tempels und seiner Heiligkeit Abt Shi Yong Xin. Im Shaolin Kloster war er als Lehrtrainer für die Aus- und Weiterbildung der Mönche verantwortlich. Der Shifu zählt zu den besten Qigong-Meistern und den wenigen echten Shaolin Rou Quan, also Tai Chi-Meistern der Welt. Außerdem beherrscht er Shaolin Kung Fu, Shaolin Faust- und Waffenformen, Freikampf und hartes Qigong. Kein Wunder, dass der Mann mit seinen katzenhaften, geschmeidigen Bewegungen auf eine absolut exakte Bewegungsausführung achtet. „Das Knie nicht ganz strecken, nein, nicht so weit beugen. Jetzt ist es gut.“

Schweißtreibend: Einen Stern pflücken oder das Himmelstor stützen

Im jeweils dritten Teil der einzelnen Übungseinheiten erlernt die Kleinwalsertal-Gruppe die so genannten „acht Brokate“, also acht Schätze. Und zwar die Einsteigervariante. „Die kann jeder Chinese“, erklärt Robert Egger, „da sie physisch nicht so schwierig sind.“ Aha. Interessant! Denn die hiesigen Kursteilnehmer schwitzen bei den Brokaten, was das Zeug hält. Und sogar beim Großmeister zeigen sich so viele Schweißtropfen auf der Stirn und dem glattrasierten Kopf, dass er zwischendurch immer mal wieder ein Handtuch zum Abtupfen braucht. Denn der Meister lässt die Übungen solange einzeln und in der Gruppe wiederholen, bis sie wirklich sitzen und jeder ganz genau weiß, wie die exakte Bewegung aussieht und sich anfühlt. Erst mit der Zeit gelingen die Qigong-Folgen mühelos und sind nicht mehr so anstrengend. Wie immer also, wenn man eine neue „Sportart“ lernt.

Ausgangspunkt der Brokate ist ein lockerer, hüftbreiter Stand mit hängenden Armen und geradem Rücken. Der Blick ist nach vorne gerichtet, die innere Haltung sollte ruhig und konzentriert sein. Während die Mönche die Übungen jeweils 21 Atemzüge lang machen, reichen anfangs fünf bis sieben Atemzüge. „Beide Hände nach oben, so als ob das Himmelstor gestützt wird“, erklärt der Mönch das erste Brokat. Eine andere Übung heißt in etwa „Einen Stern pflücken und gegen den großen Bären tauschen“. Die Brokate regen Shi Yan Liang zufolge die Verdauung an, unterstützen Milz, Leber und Nieren, stabilisieren die Hüfte, lindern Schmerzen und helfen auch gegen Müdigkeit.

Bereits nach zwei Tagen intensivem Übens im Kleinwalsertal spürt Carmen Büchel, „dass ich mehr Energie habe und es mal hier und da kribbelt“. Außerdem fühle sie sich ruhiger. Am Ende des Kurses hat die vierfache Mutter entschieden, sich zuhause in der Schweiz eine Gruppe zu suchen, „zur Unterstützung, damit ich dranbleibe“. Auch das Fazit von Birgit Walch fällt nach den drei Tagen mit Shaolin Qigong sehr positiv aus: „Diese kleine Auszeit, mit viel Ruhe und Bewegung hat mir gut getan. Ich habe grade keine Rückenschmerzen mehr und fühle mich lebendiger und beweglicher.“ Mehr noch: Die 43-jährige hat sich vorgenommen, zuhause täglich zu üben. Und sie hält es durch. Auf eine Mail einige Wochen später antwortet sie: „Stehe jeden Tag um 5.30 Uhr auf und übe eine Stunde.“ Respekt. Und etwas Neid. Die Autorin schafft es nämlich nur drei Mal pro Woche.

Shaolin –  Kloster und Kampfkunst mit Weltruhm

Shaolin ist ein buddhistischer Mönchsorden in China. Das Wort Shaolin bedeutet „junger Wald“. Zum Schutz gegen den Wind wurden im 5. Jahrhundert nach Christus die Gipfel des Bergmassivs  Songshan in der Provinz Henan im Herzen Chinas mit jungen Kiefern bepflanzt. Inmitten dieses Areals lag das Kloster der Shaolin-Mönche. Heute heißen der gesamte Ort um das Kloster und die Umgebung Shaolin.

Der Legende zufolge kam um 500 der indische Mönch Bodhidharma, der Begründer des Chan-Buddhismus, ins Shaolin-Kloster, da er am kaiserlichen Hof kein Gehör fand. Nach neun Jahren Meditation in einer Höhle unterrichtete er die Mönche in Yi-Jin-Jing (Transformation der Muskeln, Sehnen und Bänder), um deren schwächliche Konstitution und Körperhaltung zu stärken und so den Energiefluss anzukurbeln sowie um den Geist wach zu halten. Auch die Technik des Knochenmark-Waschens (Xi-Sui-Jing) entwickelte er. Doch diese Übungen sind ausschließlich den Mönchen vorbehalten, sie werden nicht an Außenstehende weitergegeben.

Das von Bodhidharma entwickelte Programm enthält Dehn-, Kräftigungs-, Atem- sowie Konzentrationsübungen. Sie verbinden die mentale mit der körperlichen Stärke und die innere Harmonie mit der Gesundheit. Im Westen bekannt wurden die Shaolin-Mönche, ihr Orden, das Kloster und die Kampfkunst Kung Fu durch die Fernsehserie „Kung Fu“ in den 1970-er Jahren; Hauptdarsteller war David Carradine als Mönch Kwai Chang Caine.


Weiterführende Links
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