Die geheimen Kräfte der Blüten
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Blütenessenzen nach Bach – aus der Esoterik-Ecke in den Arbeitsalltag

Eine westdeutsche Großstadt in den 80-er Jahren: Mehrere junge Frauen zwischen 20 und 25 haben sich zu einer „Heilegruppe“ zusammen gefunden. In wöchentlichen Treffen beschäftigen sie sich mit Heilkunde jenseits der Schulmedizin (zwei von ihnen sind heute erfolgreiche Heilpraktikerinnen). Manches davon - wie Kamillentee und Wadenwickel – klingt recht unspektakulär, Heilverfahren wie Akupunktur und Fußreflexzonenmassage strapazieren das Vorstellungsvermögen schon mehr. Und an einem Abend stehen Experimente mit Bachblüten auf dem Programm. 38 Flaschen mit hoch verdünnten Essenzen werden verdeckt im Kreis herum gegeben Die eine fühlt sich eher „dumpf“ an, „schwer“, die andere „grün“, „fließend“ oder „hellgelb und pulsierend“. Eine der Frauen rät erstaunlich sicher, um welche der Essenzen es sich handelt. Insgesamt aber ist es schwierig, die Blüten über das Verfahren „Versuch und Irrtum“ zu identifizieren. Doch das ist auch nicht Sinn der Übung. Es geht darum, die Schwingungen der Bachblüten zu fühlen, statt einfach ihre Namen auswendig zu lernen.

Bachblüten sind nicht „beweisbar“ durch schulmedizinische Verfahren wie Versuchsreihen oder durch chemisch überprüfbare Inhaltsstoffe (ein Tatbestand, den sie  mit Methoden wie Akupunktur, Reiki, Edelsteintherapie oder Homöopathie teilen). Sie sind „nur“ erfahrbar und stehen somit in einer sehr alten Tradition der Heilkunde der des Ausprobierens und des eigenen Erlebens. Ob der Heilerfolg letztlich auf einem Placebo-Effekt beruht, ist heftig umstritten – jedoch: „Wer heilt, hat recht.“ (Dieses Zitat wird übrigens Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, zugeschrieben.)

Die Neuentdeckung der Bachblüten

Die Bachblüten wurden in Deutschland Ende der 1970-er durch den Esoterik-Journalisten Wulfing von Rohr neu entdeckt und danach von der Hamburger Heilpraktikerin Mechthild Scheffer vermarktet, die auch mehrere Bücher über die Behandlung mit Bachblüten geschrieben hat.

Damals galten sie als Geheimtipp und waren in wenigen Apotheken zu teuren Preisen zu erhalten, wegen des esoterischen Rufes oft unter missbilligenden Blicken des Personals. Das ist heute ganz anders.

Denn aus dem Apothekensortiment sind die Bachblüten nicht mehr verschwunden, und die gesellschaftliche Haltung gegenüber der - zumindest ergänzenden - Selbstmedikation hat sich grundsätzlich gewandelt. Immer mehr Menschen haben ein medizinisches Basiswissen, fühlen sich als Experten ihrer eigenen Erkrankungen und schätzen die Effekte der alternativen Heilmethoden gegenüber der so viel nebenwirkungsreicheren Schulmedizin. Mittlerweile gibt es in den deutschen Apotheken neben den „Notfallbonbons“ auch Mittel für den ängstlichen Hund und die aggressive Katze (oder andersherum). Und Pflanzen soll man nach dem Umtopfen gegen den Schock auf jeden Fall Notfalltropfen geben.

Bachblüten und Homöopathie

Aber was sind Bachblüten eigentlich? In den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem englischen Arzt Edward Bach (sprich ed wəd bæt) gefunden und zusammengestellt, weisen die Essenzen auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit Samuel Hahnemanns Homöopathie auf. Auch die Bachblüten werden potenziert gereicht, auch sie enthalten keine nachweisbaren chemischen Wirkstoffe, sondern nur noch die „Schwingung“ der jeweiligen Pflanze.

Hahnemanns Methode beruht jedoch auf der Methode, „Ähnliches mit Ähnlichem“ zu behandeln, also ein Mittel einzusetzen, das bei einer gesunden Person die selben Symptome erzeugt, wie sie die Krankheit hervorruft.

Im Unterschied dazu wählte Edward Bach als Anhänger der Lehren von Carl Gustav Jung die Pflanzen nach eigenen Angaben „intuitiv“ danach aus, welche „positiven archetypischen Seelenkonzepte“ diese verkörpern. Er vertrat die Ansicht, dass jede körperliche Krankheit auf einer Störung des seelisch-geistigen Gleichgewichtes beruht und deshalb körperliche Erkrankungen, genauso wie seelisches Ungleichgewicht durch eine Harmonisierung auf dieser geistig-seelischen Ebene zu beeinflussen sind.

Eine Systematik  disharmonischer Seelenzustände

Bach fand 37 Blüten-Essenzen und eine Essenz aus Fels-Quellwasser (rock water) ohne Zugabe von Blüten. Er ordnete den 38 von ihm angenommenen negativen Seelenzuständen jeweils eine bestimmte Blüte zu, die das Gleichgewicht fördern sollte. Traditionell tragen die nummerierten Essenzen englische Namen und sind verschiedenen Gruppen zugeordnet. Die 38 Essenzen unterteilte er in sieben Gruppen, die er jeweils bestimmten Gemütszuständen zuordnete (Niedergeschlagenheit, Angst, fehlendes Interesse an der Gegenwart, Einsamkeit, übertriebene Sorge um Andere, Überempfindlichkeit und Unsicherheit).

Eine Kombination aus fünf Essenzen empfahl er als spezielle „Notfalltropfen“ (rescue remedy) für akute Angst- und Belastungssituationen.

Im Gegensatz zum  “Simile“-Prinzip (Gleiches mit Gleichem) der Homöopathie sollen diese Essenzen als positiver Gegenpol direkt eine Harmonisierung negativer Seelenzustände bewirken. Die Bach-Blütentherapie wird nicht zur Pflanzenheilkunde gezählt; die meisten der verwendeten Pflanzen sind keine bekannten Heilpflanzen.

Der Umgang mit den 38 Essenzen ist wesentlich leichter zu erlernen als die Homöopathie mit ihrer theoretisch unendlichen Zahl von Wirkstoffen und ist deshalb gut für eine unterstützende Selbsttherapie (mit oder ohne Placebo) geeignet.

Herstellung

Die einzelnen Blüten werden heute noch an den ehemals von Bach festgesetzten Standorten gesammelt und nach den von ihm beschriebenen Potenzierungsmethoden rituell verarbeitet. Bei der Sonnenmethode werden die Blüten für etwa drei bis vier Stunden in eine mit Wasser gefüllte Schale gelegt und diese in die Sonne gestellt, bei der Kochmethode werden die Pflanzenteile eine halbe Stunde in Wasser erhitzt. Die Kochmethode wird für holziges Pflanzenmaterial oder bei Pflanzen angewendet, die zu einer sonnenarmen Jahreszeit blühen. Laut Bach sollen die Pflanzen ihre „Schwingungen“ als „heilende Energie“ an das Wasser abgeben. Das Wasser wird anschließend mit einem gleich großen Anteil Alkohol als Konservierungsmittel versetzt. Diese Urtinktur wird 1:240 verdünnt, um die eigentlichen Blütenessenzen herzustellen. Dies ist der Punkt, an dem die Bachblüten der Homöopathie ähneln, mit der sich Bach sich beschäftigt hat.

Aus den Original Flaschen werden nun 6-8 Tropfen in eine Pipettenflasche mit (möglichst) Quellwasser gefüllt. Orthodoxe Behandler/-innen empfehlen, nicht mehr als eine Essenz pro Flasche zu nehmen – die, die bei der Selbstdiagnose die meisten Punkte bekommen hat, und erst einmal deren Wirkung abzuwarten. Aber selbst die Notfalltropfen enthalten mehr als eine Substanz. Wie  man also mit den Mengen und der Häufigkeit der Einnahme umgeht, liegt im eigenen Ermessen (wenn  man nicht Lust hat, sich in Expertenstreits zu engagieren).

Wirksamkeit

Kritiker führen an, der moralisierende Charakter der disharmonischen Seelenzustände könne Druck auf Erkrankte ausüben, da das eigene, persönliche Verhalten als ursächlich für Krankheiten angesehen wird. Man könnte dagegen halten, dass mittlerweile auch die Schulmedizin  bei vielen Erkrankungen einen Anteil - nicht von Schuld, aber von Verantwortung - beim Patienten sieht. Die Klassiker der Empfehlungen sind hier: genügend Bewegung, gesunde Ernährung, Work-life-balance, Nichtrauchen, mäßiger Alkoholgenuss. Warum also nicht auch ein paar Bachblütentropfen, die ja keine Wirkung (und also auch keine Neben-Wirkung) haben können?

Denn der zweite Kritikpunkt ist die nicht schulmedizinisch erwiesene Wirksamkeit. Hier gilt es, eigene Erfahrungen zu machen, jenseits der Beweisbarkeit. Es ist klar, dass wir uns hier auf einer anderen - sagen wir ruhig: magisch-mystischen - Denkebene befinden. Freilich: Wenn die Blüten nicht wirken, ist nichts verloren. Man kann danach ja bei einem Schamanen vorsprechen - oder beim Professor der nächsten Uniklinik.

Der Tipp gegen akuten Stress: Notfalltropfen

Auch wenn Dr. Bach sich wohl noch nicht hat vorstellen können, dass Stress zur vorherrschenden Belastung unserer Gesundheit werden würde, wie das heute in den Industrieländern der Fall ist: Die „Notfalltropfen“ sind ein probates Mittel für alle möglichen stressigen Situationen. Sie enthalten die Blüten: Star of Bethlehem: gegen Schock und Betäubung und zur mentalen Stärkung, Rock Rose gegen Terror und Panikgefühle, Impatiens gegen mentalen Stress und Spannung, Cherry Plum, gegen die Angst, die Kontrolle zu verlieren, und Clematis gegen die Tendenz „abzutreten“, gegen das Gefühl weit weg zu sein, das oft vor einer Bewusstlosigkeit auftritt. Die Essenzen werden im Vorhinein zusammengestellt und sind fertig erhältlich; sie dürfen, so oft es nötig scheint, genommen werden. „Notfalltropfen“ werden empfohlen bei allen Ereignissen, die belasten und Angst auslösen  –  von der Prüfung, dem schwierigen Gespräch, dem Arztbesuch bis hin zu Flugangst, einem aufgeschlagenen Knie bei Kindern oder dem Umgetopft Werden beim häuslichen Gummibaum.

Darüber hinaus gibt es aber natürlich persönliche Stressoren, die genauso mit Bachblüten behandelt werden können. Was immer an Seelenzuständen das Leben belastet: Man kann es ja mal mit einer Bachblüte probieren. Und wenn das Ergebnis nur ist, dass man achtsamer mit sich und dem Problem umgeht und, statt gutmütig nach Feierabend noch eine Akte zu bearbeiten, ins Fitness-Studio geht. Schon hat die Bachblüte geholfen.

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