Die Chancen der chinesischen Medizin allen zugänglich machen
Dr. Hummelsberger
 
Experteininterview Josef Hummelsberger

Dr. Josef Hummelsberger ist Internist wie auch Arzt für Naturheilverfahren, Akupunktur und Chinesische Medizin. Schon während seines Studiums interessierte er sich für fernöstliche Heilweisen und begann vor rund dreißig Jahren, die Möglichkeiten der Traditionellen Chinesischen Medizin zu erforschen. Seit 1997 ist er Dozent für Akupunktur und Chinesische Medizin bei ärztlichen Fachgesellschaften, bei Ärztekammern sowie Gastdozent an Universitäten. Von 2002 bis 2008 war er Präsident der Societas Medicinae Sinensis (SMS), der Internationalen Gesellschaft für Chinesische Medizin. Dr. Hummelsberger praktiziert in München und ist Prüfer, Fachberater und Weiterbildungsermächtigter für Akupunktur der Bayrischen Landesärztekammer. Im Experteninterview für Yilangi beschreibt er die Chancen und Grenzen der chinesischen Medizin.

Teil 1: Die Chancen der chinesischen Medizin

Herr Dr. Hummelsberger, Sie haben sich schon vor über dreißig Jahren für fernöstliche Heilweisen interessiert. Damals war die Traditionelle Chinesische Medizin noch nicht populär. Was hat Sie angezogen?

Eine gewisse Offenheit für Alternativen in der Medizin. In meinem Medizinstudium habe ich gemerkt, dass es – auch wenn unsere westliche Medizin vielem sehr gut helfen kann – Bereiche gibt, in denen wir mit unserem Latein oft am Ende sind. Das war der Anlass weiter zu suchen.
Damals waren Naturheilverfahren und auch die chinesische Medizin kaum bekannt; wir haben also versucht, uns selbst fortzubilden. Die chinesische Medizin hat mich am meisten fasziniert, zum einen, weil ich sie als System in sich selber sehr geschlossen und logisch fand, zum anderen, weil die chinesische Medizin eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten und therapeutischen Chancen bot, die über das Übliche hinausgingen.

Die Traditionelle Chinesischen Medizin, oft TCM abgekürzt, unterscheidet sich in ihrem Denken ja stark von den Auffassungen der westlichen Medizin. Wie bringen Sie diese unterschiedlichen Ansätze für Sie selber in Einklang?

Die beiden Heilverfahren sind sicher kein Gegensatz, sondern können sich durchaus komplementär ergänzen. Wir haben in der westlichen Medizin auch ein sehr großes Wissen. Wenn wir durch einen Blutwert oder durch einen anderen Untersuchungsbefund eine klare Diagnose herausfinden, dann können wir sehr gut helfen. Aber manche Sachen können wir so eben nicht erfassen; die kann ich wiederum mit der funktionellen Diagnostik der chinesischen Medizin – wie beispielsweise der Zungendiagnose – viel früher erkennen und dann eben auch entsprechend frühzeitig nach dieser Diagnose arbeiten.

Diagnose heißt ja eigentlich Behandlungsanweisung: Wenn ich etwas feststellen kann, kann ich auch etwas tun, und das gilt auch in der chinesischen Medizin.

Welche Diagnoseverfahren habe sich denn in der TCM bewährt?

In der TCM spielt neben der Pulsdiagnose vor allem die Zungendiagnose eine wichtige Rolle, weil sie nach der chinesischen Lehre gute Aussagen über den Zustand der Organe oder der Funktionskreise, wie es korrekterweise heißt, erlaubt.

Auch die Pulsdiagnose eröffnet ganz viele Möglichkeiten: Es werden über dreißig Pulse unterschieden, die dann ganz differenziert über verschiedene Bereiche Auskunft geben – nicht nur in Hinblick auf Blutdruck und Schnelligkeit, sondern qualitativ sehr differenziert, etwa, ob ein Mensch extrem angespannt ist oder erschöpft. Auch einen akuten Infekt kann ich mit entsprechender Erfahrung am Puls erkennen.

Welche Erfolge haben Ihrer Meinung nach der Traditionellen Chinesischen Medizin auch hierzulande einen gewissen Stellenwert verschafft?

Prinzipiell hat die chinesische Medizin den Vorteil, dass sie aufgrund der langen Kulturtradition eine sehr lange Überprüfungsdauer hat. Es sind mindestens hundert Ärztegenerationen, die über Jahrhunderte hinweg mit diesen Kräutern, mit der Akupunktur und den anderen Behandlungsverfahren Erfahrung gesammelt haben, und dieser Entwicklungsprozess geht ja weiter.

Das älteste bekannte Medikament, das heutzutage noch verwendet wird, stammt aus der chinesischen Medizin: Es ist Ephedra herba, also Meerträubel, das bei Asthma und Erkältungskrankheiten verwendet wird. Es wurde in China schon in Gräbern aus der Zeit dreihundert Jahre vor Christus gefunden, und man verwendet es heute noch ganz genauso. Während wir in der westlichen Medizin ja erst sehr viel später losgelegt haben, hatte die chinesische Medizin da schon große Entwicklungen durchgemacht.

Erfolgreich wurde sie bei uns auch deshalb, weil sie zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten für viele Probleme eröffnet, in denen die westliche Medizin einfach nicht weitergekommen ist. Beispielsweise bei Gelenkbeschwerden, Allergien, chronischen Erkrankungen oder funktionellen Beschwerden wie auch für im weitesten Sinne psychosomatische Beschwerden bis hin zu Infekten gibt es eine ganze Reihe von Beschwerden, wo wir mit der westlichen Medizin oft nicht viel erreichen können, aber mit den Kräutern aus der TCM sehr gute Erfolge erzielen. Und das sind eben die Chancen, die darin stecken.

Das sind sicher Vorteile der TCM gegenüber der westlichen Medizin. Wo liegen die Grenzen in den Anwendungsmöglichkeiten?

Die erste wichtige Grenze besteht in dem, was ich über die Diagnose sagte: Wenn ich keine Diagnose habe, dann kann ich auch nicht behandeln. Ich muss vorher eine Diagnose stellen, das machen manche leider nicht immer.

Die zweite Einschränkung ist, auch das muss man deutlich sagen, dass die chinesische Medizin bei akuten Krankheiten wie zum Beispiel einer Blinddarmentzündung nicht so gut wirkt wie die westliche Medizin mit ihrer operativen Technik. Auch bei Notfällen wie einem Herzinfarkt oder Schlaganfall ist die westliche Medizin sicher effektiver. Im Bereich der Narkose und bei anderen technischen Verfahren ist sie sehr weit fortgeschritten; in der Diagnostik ist sie durch die modernen Laborverfahren und die modernen technischen Untersuchungsmöglichkeiten (Röntgen, Ultraschall, Kernspin usw.) unverzichtbar.
Da kann die chinesische Medizin nicht mithalten, aber sie ergänzt dieses Wissen eben durch andere Befunde, die man mit den westlichen Verfahren nicht oder noch nicht erkennen kann.

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