Der Kontext von Heilkraft und Kunst
Sabine Neureiter
 
Moon McNeill

Die Malerin Moon McNeill leidet an MCS (Multipler chemischer Sensitivität), einer umweltbedingten Erkrankung; mit dem Zusammenhang von Heilung und Kunst hat sie sich theoretisch und aus eigener Erfahrung auseinandergesetzt und mehrere Texte dazu veröffenlicht. Eine komprimierte Reflexion über ein ganzheitliches Verständnis von Heilung lesen Sie hier.
Heilung heißt nicht unbedingt, ohne Krankheit zu sein. Es heißt vielmehr, dass man heile im Sinne der Ganzwerdung wird. Ganzwerdung heißt, die Teile zusammenzufügen, die zusammen gehören: Körper, Seele und Geist.

In unserer materialistischen und industriellen Gesellschaft zählt oft nur der Mammon – die Seele ist eher ein störender Faktor, der Körper muss irgendwie funktionieren und der Geist soll doch bitteschön genau die Denk-Linie fahren, die allgemeines Paradigma ist. So ist es logisch, dass wir in dieser krank machenden Welt ebenfalls früher oder später erkranken. Der Grund liegt in vielen Dingen: unter anderem in der Entfremdung von uns selbst, im Übergehen naturgegebener Bedürfnisse und innerer Notwendigkeiten und dem Arbeiten gegen alle inneren Rhythmen.

Krankheit als Botschaft

So kann eine Erkrankung nicht nur auf der körperlichen Ebene zu Gesundungsprozessen anregen, sondern einen auch geistig oder seelisch zu Anpassungen an offensichtliche Notwendigkeiten und Bedürfnisse zwingen. Doch dazu muss man seine Erkrankung als ein Signal verstehen und ihre Botschaft entschlüsseln – insbesondere dann, wenn sie ernster Natur ist! Wer sich in diesem Falle mit Medikamenten zudröhnt und alle Warnsignale missachtet, um zu funktionieren, wird irgendwann die Rechnung präsentiert bekommen. Heilkraft kann einem aus vielen Quellen zufließen.

Die Natur kann heilen

Einer der größten Heiler ist die Natur – und auch hier ist wiederum nicht nur die Landschaft gemeint, sondern auch unsere innere Natur. Wir bügeln sie oft gegen den Strich, überlagern sie mit nicht authentischen Rollen und Neurosen und kennen sie gar nicht wirklich. Im Prozess des Malens gelingt es zuweilen, eine authentische Sprache zwischen Seele und Pinsel herzustellen. Solche Bilder sind heilende Instanzen für den, der sie malt. Sie können aber auch jenen heilende Impulse vermitteln, die ein solches Bild kaufen. Es geht hier nicht um pseudo-esoterische Heilsversprechungen, sondern um ganz reale Vitalisierungen, Energielenkungen oder Beruhigungen.

Die Macht der Farben

Die Macht der Farben kann einen Einfluss darauf nehmen, ob man sich gelassen oder energetisch, deprimiert oder getröstet fühlt. Dabei gibt es durchaus einen Unterschied in der Intensität der heilenden, harmonisierenden oder energetisierenden Impulse zwischen einem Kalenderblatt mit einem Kunstwerk oder dem echten Bild. Wer dies nicht glaubt, sollte einmal seine Gefühlsregungen und Gedanken angesichts eines massenhaft reproduzierten Kalenderblattes von Mark Rothko mit dem Stehen vor einem Original von ihm vergleichen. Selbst der lange umstrittene Josef Beuys dachte ganzheitlich und befasste sich mit der Heilkraft der Kunst auch für die Gesellschaft an sich.

Kunsttherapeutische Ansätze

Die Ansätze der Kunsttherapie, Maltherapie, Bibliotherapie oder Musiktherapie, die seelische Prozesse des Patienten sichtbar machen wollen oder Seele und Körper durch Kunst beeinflussen möchten, müssen nicht erst erwähnt werden. Aktive und passive Ansätze wechseln sich hier meist ab. Man kannte die Verbindung von Kunst und Heilung bereits in der Antike – nur ging sie mit zunehmender Industrialisierung immer mehr verloren! Das macht Sinn, denn die Individualität der Arbeitnehmer musste zunehmend zu Gunsten von Leistungsfähigkeit gleichgeschaltet werden. Erst in neuerer Zeit und seit dem 20. Jahrhundert sind Gegentendenzen wieder stark im Kommen. Kein Wunder: immer mehr Menschen fühlen sich krank an Leib und Seele.

Die Verbindung von innen und außen

Die Heilkraft von Bildern ist noch viel zu wenig untersucht – und auch das Gegenteil davon (die potentielle Möglichkeit, dass ein Bild einem Unwohlsein oder Stress verursacht) wird selten thematisiert. Hingegen haben immer mehr Maler und Malerinnen bereits erkannt, dass beispielsweise Malen nach Musik oder Malen in Verbindung mit Meditation andere Ergebnisse erzielen kann, weil die Verbindung zwischen Innen und Außen intensiver erlebt wird. Zahlreiche spirituell orientierte Künstler machen sich dies heute zu Nutze – mit unterschiedlichem Ergebnis. Wer sich jedoch näher mit der Heilkraft der Farben und der Malerei – oder auch der Musik und der Worte – näher auseinandersetzt, dem eröffnet sich ein faszinierendes Gebiet, in dem noch viel zu entdecken bleibt.

Weiterführende Veröffentlichungen

  • Gerald Paetsch: Ausgewählte Aspekte zur Heilkraft künstlerischen Schaffens und künstlerischer Eigentätigkeit. Diplomarbeit. 1998.
  • Werner Kraus: Die Heilkraft des Malens. Reihe Beck. 2003.
  • Susan Bach: Das Leben malt seine eigene Wahrheit. Daimon Verlag. 1995.
  • Eva Mees-Christeller: Heilende Kunst und künstlerisches Heilen. Pforte Verlag. 1996.
  • Gaby Wenk und Heidi Hotel: Medizin trifft Kunst. Medicine meets art. Wenk Verlag. 2007

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