Das Comeback des Wasserdoktors
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Kneipp-Therapien lindern viele Beschwerden

Wasser besitzt heilende Kräfte – das war schon im Altertum bekannt. Ein schwäbischer Pfarrer hat auf dem nassen Element ein ganzheitliches Gesundheitskonzept begründet: Sebastian Kneipp. In der Naturheilkunde ist sein Therapiesystem bis heute wegweisend. Und das Beste daran: Mit Kneipp lässt sich auch zu Hause im Badezimmer kuren.  
Kneipp – das klingt für viele nach graumelierten Herren in hochgekrempelten Hosen, die mit winterblassen Beinen durchs Wasserbecken im Kurpark waten. Dabei ist der gesundheitsfördernde Storchengang alles andere als passé: Bis heute gelten das ganzheitliche Denken und die naturheilkundlichen Methoden Sebastian Kneipps in der modernen Präventivmedizin als wegweisend. Seit Kurzem scheinen auch angesagte Wellnesstempel die Wassertherapie des Allgäuer Pfarrers für sich zu entdecken.

Jedenfalls findet man immer öfter neben exotisch klingenden Angeboten wie Lomi-Lomi, Hot Stone oder Rasul auch das ganz profane Kneippen. Doch mit ein bisschen „Treten Kalt-Warm“ in schick gestylten Becken ist es nicht getan. „Wir empfehlen unseren Gästen, nach einer Kneipp-Anwendung eine Stunde vorher und zwei Stunden nachher weder zu schwimmen noch in die Sauna zu gehen“, rät Jochen Reisberger, Leiter des KneippSpa im Kneippianum Bad Wörishofen.

Wer einen nachhaltigen Gesundheitseffekt erzielen will, sollte sich auf jeden Fall zuerst einmal professionell anleiten lassen. Denn viele Anwendungen sind zwar einfach durchzuführen, doch kann man dabei auch einiges falsch machen. „Unser Ziel ist, den Kurgästen das Kneipp-Erlebnis zu vermitteln. Als Hilfe zur Selbsthilfe, damit sie anschließend alleine zuhause kneippen können.“

Der wundersame Wasserdoktor

„Das Wasser ist mein bester Freund und wird es bleiben, bis ich sterbe“, schrieb Sebastian Kneipp, der als junger Mann unter Lungentuberkulose litt. Der Weg des 1821 geborenen Webersohns war von Armut und Hindernissen geprägt. Dank großer Begabungen und eifriger Förderung schaffte er es trotz allem bis zum ersehnten Theologiestudium. Doch die Krankheit warf ihn zurück; die Tuberkulose war zu dieser Zeit weit verbreitet und galt als unheilbar. Zufällig fiel Kneippein Buch des Arztes Johann Siegmund Hahn in die Hände, der 100 Jahre zuvor die Heilkraft des Wassers gepriesen hatte. Verzweifelt rannte der kranke Student zur Donau und warf sich in die eisigen Fluten. Und siehe da: Er fühlte sich erfrischt und vitalisiert. Sogleich verordnete er sich regelmäßige Donaubäder – die Kneippsche Wassertherapie war geboren. Ihr wichtigstes Schlüsselwort: Abhärtung.

1852 wurde Sebastian Kneipp schließlich zum Priester geweiht. Doch er beschränkte sich nicht auf das Predigen von der Kanzel. 1855 wurde der wasserkundige Pfarrer nach Bad Wörishofen versetzt und machte es zum Mekka der Naturheilkunde. Im Laufe der Jahre baute er sein erfolgreiches Präventions- und Heilprogramm zu einer systematischen Lehre aus. Sein praxiserprobtes Wissen rund ums heilende Wasser verpackte Kneipp in mehrere Bücher.

Die Säulen seines ganzheitlich orientiertem Therapiekonzepts sind Wasser, Pflanzen, Bewegung, Ernährung und innere Balance. Sechs Jahre vor seinem Tod übergab er sein Vermächtnis einem Würzburger Apotheker. Der durfte fortan Arzneien, Kosmetikprodukte und diätetische Lebensmittel unter dem Namen des predigenden Naturheilkundlers vermarkten. Als Sebastian Kneipp 1897 im Alter von 76 Jahren starb, gehörte er neben Kaiser Wilhelm II. und Bismarck zu den berühmtesten Personen des deutschen Kaiserreichs.

Fitnesstraining für die Gefäße

„Ist das Wasser für den gesunden Menschen ein vorzügliches Mittel, seine Gesundheit und Kraft zu erhalten, so ist es auch das natürlichste und einfachste Heilmittel", schrieb der Wörishofener Pfarrer und Naturheilkundler. Kneippsche Wasseranwendungen setzen auf die vom Wasser an den Körper gesendeten Temperaturreize. Ob kalt, warm oder wechselwarm: Der menschliche Körper ist ständig darauf bedacht, die Organe auf einer gleichbleibenden Temperatur von 37 Grad Celsius zu halten. Entsprechend reagiert der Organismus auf äußere Temperatureinflüsse. „Der Körper muss eine Reizantwort geben. Die Durchblutung wird gesteigert, innerhalb von ein bis zwei Minuten stellt sich ein Wärmegefühl ein, das man durch Bewegung noch steigern kann“, beschreibt Jochen Reisberger das Prinzip der Kneipp-Kur.

Trifft kaltes Wasser auf die Haut, verengen sich die Gefäße, weil sich der Körper gegen Abkühlung schützt. Die winzigen Nervenpunkte in der Haut leiten den Wasserreiz über das Zentralnervensystem ins vegetative Nervensystem. Hier befindet sich die Steuerzentrale für Blutdruck, Herz, Kreislauf, Stoffwechsel und Hormonsystem. Danach weiten sich die Blutgefäße wieder, die Durchblutung verbessert sich. Durch den Temperaturwechsel werden Organsystem, Stoffwechselfunktionen und Lymphtätigkeit angeregt. Der Körper kann vermehrt entschlacken, Herz und Kreislauf werden entlastet. „Früher bedeutete Kneippen kaltes Wasser und hatte das Image einer Rosskur“, erinnert sich Jochen Reisberger. Inzwischen hat sich die klassische Kneipp-Kur von drei Monaten auf drei Wochen verkürzt: „Heute setzt man eher auf den Wechsel zwischen warm und kalt. Mit kurzen kalten Reizen kann man schon viel bewegen“, betont der Kneipp-Experte.

Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen

Was den schwäbischen Pfarrer vor über 100 Jahren zum Guru für Hydrotherpie machte, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt: Forscher der Universität Jena haben unlängst Studienteilnehmer mit chronischer Bronchitis zweieinhalb Monate lang dreimal wöchentlich kalte Güsse und zweimal wöchentlich kalte Oberkörper-Waschungen machen lassen. Anschließend konnten sie im Blut der Teilnehmer nachweisen, dass sich die Anzahl der Abwehrzellen um 13 Prozent erhöht hatte. Die Jenaer Ärzte schließen aus den Ergebnissen ihrer Studie, dass sich durch regelmäßige Kaltwassergüsse die Anfälligkeit für Atemwegsinfekte wirksam senken lässt. Dies gelte nicht nur für die untersuchte Gruppe von Patienten mit chronischer Bronchitis, sondern für alle Menschen mit einer Neigung zu häufigen Infekten. Allerdings könne von Abhärtung erst nach rund zehn Wochen Behandlung gesprochen werden. Wer sich für die kalte Jahreszeit fit machen will, muss also rechtzeitig mit dem Kaltwasser-Training beginnen – am besten schon im August.

„Die Hydrotherapie als ein einzelnes Verfahren des großen Bereich der Kneipp-Therapie ist besonders wirksam bei Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Herzschwäche, Bluthochdruck, bei Krampfadern und zur Abhärtung“, resümiert Andreas Michalsen, Professor für Klinische Naturheilkunde an der Berliner Charité. Dort konnte eine aktuelle Studie Kneipp-Erfolge bei Wechseljahresbeschwerden nachweisen: Betroffene Frauen führten sechs Wochen lang Kaltwasser-Anwendungen durch. „Es kommt weniger auf die einzelne Technik der Anwendungen an“, betont Andreas Michalsen, „als auf die regelmäßige, am besten tägliche Durchführung.“ Eine verstärkte Stressresistenz durch regelmäßige kalte Güsse ist ebenfalls wissenschaftlich belegt. „Wir wissen inzwischen zuverlässig, dass sich Kneipp-Anwendungen günstig auf das Vegetativum auswirken. Das ist wie ein psychisches Pendel“, erklärt Jochen Reisberger. „Man muss schauen, welche Konstitution ein Mensch hat und welche Probleme bestehen. Viele Menschen kommen mit Burn-out-Syndrom hierher. Sie sind also überreizt. Dann gibt es die antriebslosen Menschen, die sich mehr Schwung wünschen. Für beide ist der Knieguss geeignet, denn das Pendel geht immer zur Mitte hin. Das balanciert sich von allein aus.“

Gesundheit aus dem Gartenschlauch

„Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für seine Krankheiten opfern“, lautet das Kneippsche Credo zur Gesundheitsprävention. Die von ihm praktizierten rund 120 verschiedenen Wasseranwendungen reichen von Waschungen über Güsse, Wickel und Kräuterbäder bis zum "Blitzguss". Die gute Nachricht: Bei kleinen Alltagswehwehchen wie Kopfschmerzen oder dem Leistungstief am Nachmittag wirken auch schon einmalige Anwendungen.

Zum Glück lassen sich viele ohne große Mühe in den Alltag integrieren. Badewanne, Dusche oder Waschbecken: Los geht’s. Outdoor-Fans greifen zum Gartenschlauch oder zur Gießkanne. Auch Kinder dürfen kneippen – . Aallerdings in kleineren Dosen, empfiehlt Jochen Reisberger: „Kinder reagieren schneller und sensibler auf Naturheilverfahren. Sie sollten daher kleine Reize empfangen, nur Fußbäder etwa oder Wassertreten. Und eine Anwendung am Tag reicht schon.“ Eiligen Menschen empfiehlt Jochen Reisberger die Kneipp-Blitzkur: „Einfach die tägliche warme Dusche kalt abschließen. Es reicht, wenn die Beine kalt abgeduscht werden.“
10 goldene Regeln für Kneippianer
  1. Der Körper muss vor Beginn der Anwendung normal temperiert sein: Keine Kalt-Güsse bei Frösteln oder kühlen Gliedmaßen. Notfalls also erst mit Gymnastikübungen aufwärmen.
  2. Nach kalten Anwendungen anschließend
  3. nicht warm duschen. Sonst bleibt der Effekt aus.
  4. Kneipp-Neulinge wählen nicht gleich den Ganzkörperguss. Klein anfangen, etwa mit einem Knieguss, und allmählich steigern.
  5. Kaltwasser-Anwendungen sind kurz. Fängt es auf der Haut heftig an zu stechen, muss Schluss sein.
  6. Wechselwarme Anwendungen: immer kalt beenden.
  7. Nicht bei akuter Erkältung oder Fieber kneippen.
  8. Wer unter chronischen Krankheiten leidet, etwa unter arterieller Verschlusskrankheit oder Herz-Kreislauf-Beschwerden, muss vorab immer einen Arzt fragen.
  9. Nach der Wasseranwendung kein Handtuch benutzen! Wasser nur abstreifen.
  10. Anschließend behandelte Körperstellen warm halten.
  11. Nach der Anwendung bewegen oder ausruhen.
Empfehlungen für Kneipp zuhause finden Sie auch in der Rubrik Guter Rat.

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